Alte Schätze / Old Treasures

Mein neues Regal / My New Shelf

In meinem neuen Bücherregal gibt es einen Boden für alte Schätze: Bücher, die ich von meinen Eltern geerbt oder in Antiquariaten gekauft habe. Neulich habe ich mir die Mühe gemacht, nach den Erscheinungsdaten zu forschen, und ich stellte fest, dass ich einige Bücher besitze, die über 100 Jahre alt sind. Der Star dieser Abteilung ist sicherlich die englische Ausgabe von Charles Dickens‘ Martin Chuzzlewit von 1872. Und ja, ich habe sie gelesen!

In my new bookshelf, there is one compartment for old treasures: Books that I have inherited from my parents or bought in second-hand bookshops. A little while ago, I went through the trouble of finding out the publishing dates of the individual volumes. I found that I own several books which are 100 years or older. Star of this collection most certainly is the household edition of Charles Dickens‘ Martin Chuzzlewit from 1872. And yes, I’ve read it!


Natürlich schlägt man bei einer solchen Aktion die Bücher auch auf und in Selma Lagerlöfs Gösta Berlings Geschichte las ich spaßeshalber das Vorwort von Hanns Heinz Ewers aus dem Jahre 1911.

Of course I opened the books and stumbled across a foreword to Selma Lagerlöf’s Goesta Berling, written by one Hanns Heinz Ewers in the year 1911


Für diejenigen, die sich mit der deutschen Schrift etwas schwertun, schreibe ich es hier noch einmal ab:

Oscar Wilde, der die dichtenden Frauen hasste, sagte einmal in Bezug auf ihren wunderbaren Roman „Gösta Berlings Saga“ sehr entschieden: „Ach was, sie hat dies Buch ja gar nicht geschrieben!“ Und als man ihn fragte, wer es denn geschrieben habe, antwortete er: „Sie nicht – – es in ihr.“ So paradox das klingt, es mag doch etwas daran sein, wenn man auch schwerlich je dahinter kommen wird, was denn dieses geheimnisvolle „es“ eigentlich sei.
Manche glauben, und nicht die Dümmsten, dass Ideen ihr eigenes Leben haben, dass sie nicht Produkte irgend eines Hirnes seien, sondern sich betten in diesem oder jenem Hirne, dort verkümmern oder aber ausreifen, bis sie eines jungen Tages in die Erscheinung treten. So mag es kommen, dass zwei und drei Menschen urplötzlich zu gleicher Zeit an ganz verschiedenen Weltecken dieselbe große Erfindung, dieselbe wissenschaftliche Entdeckung machen, denselben künstlerischen Gedanken hegen.

Ich kann bestätigen, dass Ideen definitiv ihr eigenes Leben haben und dass sie einen durchaus so lange nerven können, bis man ihrem unbändigen Erscheinungswillen endlich nachgibt. Gleichzeitig habe ich mir schon öfter darüber Gedanken gemacht, wie in der kulturellen Entwicklung der Menschheit bestimmte Dinge entdeckt wurden. Brot beispielsweise. Es ist naheliegend, dass man Körner essen kann. Aber wer ist auf die Idee gekommen, diese Körner zu zerreiben und sie mit Wasser zu vermengen? Und wer schon einmal Sauerteig gerochen hat, weiß, dass das alles andere als appetitlich riecht. Wie also kam es zum Sauerteigbrot?
Oder Eisen. Wie viele Schritte sind nötig, um aus Erz einen Gebrauchsgegenstand herzustellen? Und wer hat daran getüftelt? Es bringt mich zu der Überzeugung, dass Ideen eine ganz eigentümliche Dynamik haben und etwas sehr Lebendiges, ja geradezu Elektrisierendes sind. Vermutlich sind sie nahe verwandt mit dem Schöpfergedanken, dessen Echo uns in Unruhe versetzt und mit Begeisterung füllt. Ideen sind Lebensmotor und Schaffensmotivation und ohne sie würden wir vermutlich immer noch im Gras sitzen und Körner kauen.

Und dann ist da noch diese Überraschung, dass manche Ideen gar nicht so neu sind wie man glaubt. Der obige Text könnte in moderner Formulierung aus einem aktuellen Social Media Post eines Autors stammen, aber nein. Er ist über 100 Jahre alt. Auch damals waren Autoren bereits den Launen ihrer Geschichten und Charaktere hilflos ausgeliefert. Ich finde das ausgesprochen sympathisch. Und du?

Let me give you a translation of what is being said here:

Oscar Wilde, who hated women writing poetry, once said with regard to her wonderful novel „Gösta Berlings Saga“ quite resolutely: „Mind you, she hasn’t written that book herself!“ When asked who had written it, he replied: „Not her – – it within her.“ As paradoxical as this may seem, there appears to be some truth in this, even though one will hardly find out what this mysterious ‚it‘ may really be.
Some believe, and they are not the most stupid, that ideas have their own lives, that they are not products of someone’s brain, but retire to this brain or that, to waste away there or grow ripe, until one young day they appear. That’s how it may come to pass that two or three people at different corners of the world all of a sudden make the same great invention, the same scientific discovery, have the same artistic thought.

I can confirm that ideas definitely have a life of their own and that they may get on your nerves incessantly until you finally give in to their irrepressible will to come into existence.
At the same time, I have repeatedly wondered how certain things were discovered in the course of the cultural development of humanity. Bread for example. It is quite obvious that grain is edible. But whose idea was it to grind it and mix it with water? And if you ever got a whiff of sour dough, you know it smells anything but enticing. So how did sour dough bread come to happen?
Or take iron. How many steps are necessary from iron ore to a finished tool? Whoever thought of all that?
It brings me to the conclusion that ideas possess curious dynamics, something alive or even electrifying. They are probably related to the creator’s thoughts, whose echo makes us restless and fills us with enthusiasm. Ideas are life engines and motivation to create, and without them we would likely still be sitting in the grass, chewing grain.

And then there is this surprise that some ideas aren’t as new as you thought. The above text, worded a bit differently, could have come straight from an authors current social media post, but no. It is more than 100 years old. Even back then authors were helplessly entangled in the grip of their stories and characters. I really like that thought. What about you?


Die letzte Nekromantin – Rezension

Das Ministerium der Kuriositäten – so lautet der Titel der Reihe, die mit diesem Buch eingeläutet wird. Wer Dark Fantasy in einem historischen Setting mit einem Spritzer Romantik mag, ist hier sehr gut aufgehoben.

Die letzte Nekromantin ist nicht das erste Buch, das ich von dieser Autorin gelesen habe – zu Beginn der Pandemie habe ich zehn Bände ihrer Glass & Steele Reihe am Stück durchgesuchtet – aber es ist das erste Buch, das ich übersetzen durfte. Was soll ich sagen? Ich war deutlich früher fertig, als ich geplant hatte, denn die Story ist so spannend, dass ich unbedingt wissen musste, wie es weitergeht, und entsprechend nicht aufhören konnte zu arbeiten. Wenn das keine Motivationshilfe ist!

Es geht um Charlie, ein junges Mädchen, das nach dem Tod der Mutter vom Vater vertrieben wurde und sich seither als Junge getarnt in den Armenvierteln Londons Ende des 19. Jahrhunderts durchschlägt. Sie besitzt eine merkwürdige Fähigkeit: Sie kann Geister sehen und Tote beschwören. Das bringt ihr die Aufmerksamkeit fragwürdiger Gestalten ein und ein Mann schafft es, sie zu fangen: Lincoln Fitzroy. Er ist der Kopf einer Geheimorganisation, die einem Wahnsinnigen auf der Spur ist, und Charlie soll ihm helfen. Doch die Erfahrung hat sie gelehrt, dass sie niemandem trauen kann.

Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet. Charlie, misstrauisch und eigensinnig, die sich mit Händen und Füßen gegen alles wehrt, was an sie herangetragen wird. Lincoln, geheimnisvoll und eiskalt, der zielstrebig seine Pläne verfolgt, Charlie gegenüber aber untypisch beschützend auftritt. Und dazu eine Handvoll bunter Nebendarsteller vom trotteligen Gus bis zur feinen Lady Harcourt, die die Handlung nicht nur abwechslungsreich, sondern auch ausgewogen machen.

Das Erzähltempo ist flott, die Spannung steigt zum Ende hin immer mehr an und wartet mit einer wirklich starken Wendung auf, bei der ich innerlich gejubelt habe und völlig von den Socken war. Geniale Idee und ich werde sie auf gar keinen Fall spoilern!

Bevor ich diesen Auftrag annahm (ich darf die ganze Reihe übersetzen) habe ich intensiv überlegt, ob ich mich mit diesem Thema befassen will. Herumspazierende Leichen sind jetzt eher nicht so meins und doch ließ mich die Geschichte nicht los, denn eins wusste ich: C.J. Archers Schreibstil ist genau mein Ding. Sie beherrscht Spannung, sie beherrscht Charakterentwicklung, und zwar über den gesamten Rahmen der Reihe, nicht nur im einzelnen Band, und sie beherrscht das Spiel mit dem Übernatürlichen, das ganz selbstverständlich in das Alltagsleben der Figuren eingewoben wird. Und da hatte ich Bock drauf. Ich habe mich also rückversichert, dass es nicht zu gruselig oder ekelig wird, und mich mit Freude ans Werk gemacht.

Einen gewissen Hang zum Düsteren sollte man schon haben, um dieses Buch zu genießen, aber die Beschreibungen sind absolut nicht darauf angelegt, Ekel zu erregen oder den Leser zu schocken. Ein wohliger Schauer darf sein; vor mehr muss man sich nicht fürchten.

Das Buch erscheint am 18. Januar 2022 und kann bereits vorbestellt werden. Ich habe es hier für euch verlinkt. Absolute Leseempfehlung von mir! Allerdings muss ich euch auch warnen: Diese Bücher machen süchtig und man muss jeweils ein halbes Jahr warten, bis das Nächste herauskommt. Es sei denn, man kann auf Englisch lesen, da ist die Reihe komplett.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Wie oft hast Du diesen Satz schon gesagt, ohne dabei an seinen Ursprung zu denken? Die Redewendung stammt aus einer Zeit, in der man sein Mehl nicht fertig verpackt im Supermarkt kaufte. Die Menschen lebten größtenteils von dem, was sie anbauten und in ländlichen Regionen brachte man sein Getreide zur Mühle, um es dort mahlen zu lassen.
Im Westerwald im 17. Jahrhundert waren Bannmühlen üblich. Das bedeutete, dass jedes Dorf einer bestimmten Mühle zugeordnet war und die Leute ihr Getreide – unter Androhung von Strafen, wenn sie den Mühlenbann brachen – nur dort mahlen lassen durften. Somit hatte der Müller ein Monopol und ein relativ sicheres Einkommen. Und es wurde strikt nach der Reihenfolge des Eintreffens gearbeitet: Wer zuerst da war, bekam auch zuerst sein Getreide gemahlen.
Da die Mühlengäste so öfter mal warten mussten, war es nicht unüblich, dass der Müller nebenbei auch noch eine kleine Gastwirtschaft betrieb.

Ich war sehr erfreut, als ich dies bei meinen Recherchen für den neuen Roman Ein Sonett für die Müllerin herausfand, denn in meinem Kopf bewirtete Protagonistin Sophie die Gäste, wodurch sie auch immer gut über den neuesten Klatsch aus der Gegend informiert war, obwohl sich die Mühle abseits des Dorfes Michelbach am Flussufer befand. Heute ist das Dorf bis an die Mühle herangewachsen, aber trotzdem ist das Tal der Wied ein sehr ruhiger, friedlicher Ort, wie man auf diesem Video sehen kann. Am Ende sieht man hinter den Bäumen das Dach des heutigen Mühlengebäudes.

Die Wied in Michelbach, Westerwald, unterhalb der Mühle

Obwohl im Roman der 30jährige Krieg gerade zu Ende ist, wird Sophie von den Ereignissen auf der Mühle ziemlich gebeutelt. Moment. Gebeutelt? Woher stammt denn eigentlich dieser Ausdruck? Hierzu müssen wir ein wenig in die Mechanik des Mahlvorganges einsteigen. Über einen Trichter wurde das Getreide in die Mahlkammer geschüttet. Dabei sorgte der sogenannte Rüttelschuh dafür, dass das Getreide langsam und gleichmäßig zwischen die Mühlsteine rieselte. Er war über eine einfache Stabmechanik mit dem Antriebsrad (Bunkler) des Läufersteins verbunden. Dieser Stab klapperte gegen die Speichen des Bunklers und verpasste damit dem Rüttelschuh mit jedem Klappern einen Stoß. Damit wäre auch geklärt, warum die Mühle am rauschenden Bach klappert, wie es in dem alten Volkslied heißt.
Das Getreide wurde zwischen den Mühlsteinen zerrieben und über die eingemeißelten Rinnen nach außen transportiert, wo es weiter in den Mehlkasten rutschte, bzw. in den Stoffschlauch, der im Mehlkasten hing. Dieser wurde genau wie der Rüttelschuh in Schwingung gebracht (noch mehr Klappern), das feine Mehl fiel durch die groben Maschen des Beutels in den Mehlkasten und der Rest, die Kleie, rutschte durch den Kleiekotzer hinaus in den Auffangsack. Wer also gebeutelt wird, der wird hin und her geschüttelt.
Das Beuteln des Mehls wurde allerdings von der armen Landbevölkerung abgelehnt – es ging dabei viel zu viel Masse verloren. Wenn die Kleie, also die Schale des Korns, nicht vom Mehl getrennt wird, hat man übrigens das, was wir heute als Vollkornmehl verstehen.
Neben dem Klappern haben die Mühlsteine selbst einen unvorstellbaren Lärm gemacht, sodass die häufigste Berufskrankheit der Müller Taubheit war. Seit ich selbst eine kleine elektrische Getreidemühle besitze, kann ich das absolut nachvollziehen. Das Ding macht ein grässliches Getöse!
Über den Kleiekotzer werde ich in einem weiteren Post noch näher berichten. Abonniere doch einfach meinen Blog, um den nächsten Beitrag nicht zu verpassen!
Und hier geht es zur Beschreibung von Ein Sonett für die Müllerin.

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Rückblick 2021

Ein frohes und gesegnetes neues Jahr wünsche ich allen meinen Lesern!

Mein erster Eindruck von 2022 war absolut friedlich. Beim Morgenkaffee sah ich draußen zwei Silberreiher vorbeifliegen und kurz darauf einen Buntspecht, der sich am Vogelhäuschen bediente. Als ich dann – wie jeden Morgen – zum Stall ging, um die Pferde auf die Weide zu bringen, hörte ich nichts als Vogelstimmen. Finken, Meisen, Spatzen, Krähen, den spitzen Schrei eines Raubvogels, wahrscheinlich war es der Bussard, der oft auf den Zaunpfosten sitzt. Kein Auto, keine Kreissäge, kein Mensch sonst unterwegs.

Das vergangene Jahr war nicht so friedlich. Emotional hatten wir als Familie so einige Herausforderungen zu meistern, manches wundersam, manches belastend. Während wir selbst mit der Pandemie, Lockdown, Homeschooling, Quarantäne und allem, was noch dazu gehört, recht gut umgehen konnten, lag und liegt die ganze Situation dennoch wie ein Mühlstein auf uns, denn als Hochsensible spürt man nicht nur den eigenen Schmerz, sondern auch den der Menschen um einen herum. Die Flutkatastrophe direkt vor unserer Haustür hat mir massiv zugesetzt, zumal ich einige Menschen kenne, die direkt betroffen sind. Da war es schon ein Segen, dass ich im August in Kur fahren konnte, das erste Mal in meinem Leben. Diese Zeit war sehr wertvoll. Ich konnte Dinge ordnen und loslassen, mir darüber klarwerden, was mir eigentlich gut tut, und habe dadurch einiges an Lebensqualität gewonnen.

Buchtechnisch war 2021 recht erfolgreich. Meine beiden historischen Romane Die stumme Magd und Die Kannenbäckerin mussten nachgedruckt werden und letztere schaffte es sogar auf Platz 2 der internen Bestsellerliste des Francke-Verlages. Das hatte ich so nicht erwartet und kann es noch immer kaum glauben. Gleichzeitig fiebere ich nun der Veröffentlichung des nächsten Romans entgegen, von dem ich bis heute nicht weiß, wie ich den mitten im Lockdown mit zwei Teenagern im Homeschooling überhaupt fertig bekommen habe. Doch dazu werde ich noch einen gesonderten Post machen. Er soll Mitte Januar erscheinen und trägt den romantischen Titel Ein Sonett für die Müllerin.

2021 habe ich es auch endlich geschafft, wieder ein englisches Buch zu veröffentlichen: The Silent Maid. Vom Bestseller bin ich hier weit entfernt, aber immerhin habe ich den bescheidenen Erfolg erzielt, innerhalb der ersten 8 Monate seit Erscheinen den Break-even zu erreichen, d.h. die Ausgaben für das Cover habe ich hereingeholt und die Werbung wird von den Einnahmen mit leichtem Plus abgedeckt. Damit bin ich absolut zufrieden, denn ich weiß selbst, dass Marketing meine große Schwäche ist.

Das bringt mich zum großen Thema Social Media. Ich bin auf Facebook, Twitter und Instagram vertreten, bei Twitter mehr oder weniger pro forma, denn mit der Plattform kann ich absolut nichts anfangen. Facebook war lange Zeit eine Art Zuhause für mich, doch inzwischen nervt es nur noch. Die Algorithmen haben meine Reichweite immer mehr eingeschränkt und wenn ich keine Werbung schalte, sieht niemand meine Posts. Bei Instagram hatte ich nur zu Werbezwecken einen Account eröffnet und war dann positiv überrascht, was für eine tolle Community mir dort begegnet ist. Ich habe viele kreative Köpfe kennengelernt und es geschieht eine Menge wertvoller Austausch, durch den ich tatsächlich inspiriert wurde, wieder Gedichte zu schreiben. Leider wird inzwischen auch dort der Druck des Geldes immer größer und ich bekomme wie bei Facebook hauptsächlich Werbung und dubiose Vorschläge angezeigt anstatt der Accounts, die ich abonniert habe. Daher habe ich beschlossen, mich verstärkt meinem Blog zu widmen, den ich bisher sträflich vernachlässigt habe. Natürlich bleibe ich auch weiterhin in den sozialen Medien vertreten, aber vermutlich mit anderen Schwerpunkten.

Ich bin gespannt, was dieses Jahr bringen wird. Neben dem neuen Roman bei Francke werde ich im Mai eine Novelle veröffentlichen, die ich letztes Jahr geschrieben habe. Es war ein kleines Fun-Projekt, das man in der Rubrik magischer Realismus einordnen kann. Ich brauchte das einfach, mal etwas ganz Unbeschwertes und Abwegiges zu schreiben und es ist so fröhlich bunt geworden, dass ich es euch nicht vorenthalten möchte. Dann arbeite ich bereits intensiv am nächsten historischen Roman, der sich diesmal um eine reale Person dreht, nämlich die Gräfin Louise Juliane von Sayn-Wittgenstein, auch bekannt als die Hungergräfin. Diese beeindruckende Frau ist mir bei den Recherchen der anderen Romane mehrfach begegnet und ihre unglaubliche Lebensgeschichte ist einfach zu spannend, um sie nicht zu erzählen. Am vorletzten Tag des Jahres habe ich mich noch mit Frau Dr. Seelbach getroffen, einer Historikerin vor Ort, die mich in der Vergangenheit schon unterstützt hat und die ebenfalls großer Fan der Gräfin ist. Es war ein wunderbarer Nachmittag, an dem wir über die Vergangenheit geredet haben, als wäre es der neueste Klatsch und Tratsch. Dazu war es ungemein hilfreich, meinen Plot mit jemandem durchzusprechen, der sich im Zeitgeist des 17. Jahrhunderts auskennt. Dabei habe ich gelernt, dass einige meiner historisch nicht belegten Ideen gar nicht so abwegig waren, wie ich gedacht hatte.

Natürlich stehen für 2022 auch einige Übersetzungen auf dem Plan, unter anderem die mehrteilige Ministerium der Kuriositäten-Reihe von C.J. Archer und Die Kannenbäckerin, die ich gern auf Englisch veröffentlichen würde. Langweilig wird es mir also auch in diesem Jahr nicht, auch wenn ich mein Arbeitspensum etwas zurückgeschraubt habe und mit längerfristigen Deadlines arbeite. Sicher ist, dass es von mir Neues zu lesen geben wird. Freut ihr euch drauf?

Neuerscheinung – Jabando, Die verwunschene Stadt

Jabando geht in die 5. Runde und für dieses Buch lag mir ein besonderes Thema am Herzen: die Offenbarung Kindern zugänglich zu machen. Verrückt? Nicht verrückter als die Idee, mit einem Nintendo-Spiel in die Bibel zu reisen.
Nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, erlebte ich prompt die erste große Überraschung. Natürlich musste ich die Offenbarung erst noch einmal gründlich lesen. Ich wusste zwar bereits, dass ich die wirren Bilder und Visionen über kinderfressende Drachen und apokalyptische Reiter außen vor lassen würde, aber da gab es noch so einiges, was mir nicht mehr im Gedächtnis war. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass am Ende eines jeden Sendschreibens eine bestimmte Sache versprochen wird, Für mich war augenblicklich klar: Das sind Items in einem Computerspiel. Wie cool ist das denn bitte?

So hatte ich für diesen Band einen neuen Spielmodus. Es galt nicht, Level zu bestehen, sondern Items zu finden, um dann im nächsten Schritt die Stadt, in der sich alles abspielt, vom Bösen zu befreien – der finale Bossfight, bei dem es in der Offenbarung Feuer vom Himmel regnet. Das musste ich mir noch nicht einmal ausdenken.

Was diesen Band für mich besonders spannend machte, war die Kombination der Hauptfiguren. Tom und Lena kennen Leser bereits aus früheren Bänden der Reihe. Neu hinzugekommen ist Albert, ein überheblicher Besserwisser, den keiner in der Klasse leiden kann, weil er ständig prahlt und sich selbst zum Zocker-König ernannt hat. Ausgerechnet die drei sollen zusammen ein Referat erarbeiten und das geht im ersten Anlauf gründlich in die Hose. Lena und Albert geraten heftig aneinander, doch der Lehrer besteht darauf, dass sie zusammenarbeiten. Ich muss gestehen, dass Tom mir zwischenzeitlich ziemlich leidtat in seiner Rolle als Vermittler.

Doch Jabando hat die Eigenschaft, Menschen an ihre Grenzen zu bringen und sie zu verändern, und das geschieht auch hier.

Wer bisher mit der Offenbarung nicht viel anfangen konnte, findet in diesem Buch vielleicht einen Einstieg, auch wenn es sich eigentlich um ein Kinderbuch handelt. Wie gewohnt findet man am Ende den Themenschatz mit einigen Anregungen zum Nachdenken oder Diskutieren sowie eine Liste der verwendeten Bibelstellen. Mein Lieblingsvers ist sicherlich Offenbarung 21, 4: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Ein Satz, der angesichts Lenas Behinderung eine ganz besondere Brisanz erhält, der ich nicht ausgewichen bin.

Der aufmerksame Beobachter wird feststellen, dass die Figuren etwas anders aussehen als auf den vorherigen Bänden. Das hat den Grund, dass der Francke-Verlag die Reihe nicht fortsetzen wird. Da ich die Geschichte bereits geschrieben hatte, ehe diese Entscheidung fiel, erscheint sie jetzt im Eigenverlag als Taschenbuch mit von mir angefertigtem Cover und Illustrationen. Zuvor verwendete Schriftarten und Grafiken wurden mir vom Francke-Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt, sodass Fans das Buch gleich als Teil der Reihe erkennen können. Bestellen kann man es hier sowie überall im Buchhandel. Über die anderen Bände der Reihe kann man sich unter www.jabando.de oder auf der Seite des Francke-Verlags informieren.

Wolkenwald

Der 5. August war der erste Tag meiner Kur auf Norderney. Das Wetter war durchwachsen und es wehte ein kräftiger Wind, der mich jedoch nicht davon abhielt, abends meinen ersten Spaziergang am Strand zu machen. Fasziniert beobachtete ich das Wolkenspiel am Himmel, durch das die Sonnenstrahlen wie ein leuchtender Vorhang fielen. Natürlich zückte ich mein Handy und fotografierte drauf los. Dann sah ich sie, die Insel am Himmel, und dachte: „Wolkenschloss.“ Je länger ich hinsah, desto mehr wuchs das Gebilde an und mein nächster Gedanke war: „Nein, nicht Wolkenschloss. Wolkenwald.“

Wieder in meinem Zimmer schnappte ich mir den Gedichtband von Rilke, den ich im letzten Moment vor der Abfahrt noch in meine Tasche gesteckt hatte und las dort weiter, wo ich aufgehört hatte.

Wer du auch seist: am Abend tritt hinaus
aus deiner Stube, drin du alles weißt;
als letztes vor der Ferne liegt dein Haus:
wer du auch seist.
Mit deinen Augen, welche müde kaum
von der verbrauchten Schwelle sich befrein,
hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum
und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein.
Und hast die Welt gemacht. Und sie ist groß
und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift.
Und wie dein Wille ihren Sinn begreift,
lassen sie deine Augen zärtlich los …
aus: Rainer Maria Rilke – Gedichte, Fischer Verlage

Mit dem Bild der Wolkenbäume frisch im Kopf und dem Bewusstsein, dass ich gerade mein Haus verlassen hatte, um in der Kur mal einen Blick von außen auf meinen Alltag zu werfen, hat mich dieses Gedicht gelinde gesagt umgehauen. Und da ich mir sowieso vorgenommen hatte, in der Kur Gedichte zu schreiben, war dies meine Antwort darauf:

Wolkenwald
Ich trat hinaus am Abend nach dem Regen,
konnt ob der Schwere kaum mehr mich bewegen,
hielt meinen tränend Kopf in meiner Hand.
Zu schauen weichen Klang von fernen Wellen,
ihr Sehnen mein Gemüt mir zu erhellen,
so stand ich fest verwurzelt dort an Land.
Hoch oben in den Wolken sah ich’s strahlen,
so weit entfernt von meinen täglich Qualen,
aus Farbenspiel gewachsen edler Wald.
Ach, könnt ich diese Wurzeln von mir reißen,
mich durch die Fesseln meines Alltags beißen,
Wolkengebilde wär’n mein nächster Halt.
Die Schwingen meines Herzens zucken müde,
doch das soll nicht ihr letzter Zustand sein.
Ich traue auf der Wellen sanfter Lieder,
lass fallen mich in starke Hände Dein.
(c) Annette Spratte 2021

Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich an dem Tag ziemlich heftig Migräne hatte, mich aber trotzdem durch alle fünf Termine gequält habe, die für den Tag angesetzt waren. Kur ist schließlich kein Urlaub. So kam diese kuriose Gefühlsmischung aus Überlastung, Schmerz und Hoffnung zustande, dass ich in diesen drei Wochen in der Lage sein würde, mir mit Gottes Hilfe mit meinen müden Augen eine neue Welt zu schaffen. Denn Welten schaffen ist nun einmal eine meiner Spezialitäten.

Weitere Eindrücke und Gedichte aus der Kur werde ich in nächster Zeit hier im Blog veröffentlichen.

Wie lange noch? / How much longer?

Was hast Du mir getan, Ewiger, dass ich leide an dieser Welt?
Was hast Du mir getan, Ewiger, als Du das steinerne Herz aus meiner Brust nahmst und mir ein fleischernes gabst?
Erdrückend ist die Last des Leides.
Fern gerückt die Hoffnung auf Erlösung.
Hilflos meine schwachen Hände, als würde ich die Flut mit einem Sieb bekämpfen.
Wie lange noch, Ewiger?
Wann kehrst Du zurück?
Ich bin so müde.
Meine Augen schmerzen, all das Leid zu sehen, die Kriege, Katastrophen, Verwüstung.
Deine Wunder wirken so klein in ihrem Schatten, dass mir die Augen tränen.
Wie lange noch, Ewiger, bis zu Deinem Heil?

What have you done, Eternal One, that I suffer from this world?
What have you done, Eternal One, when you removed the heart of stone from my chest to give me one of flesh?
Smothering is the load of suffering.
Far removed the hope of redemption.
Helpless my hands as if I was fighting the flood with a sieve.

How much longer, Eternal One?
When will you return?
I am so tired.
My eyes hurt from seeing all this suffering, the wars, catastrophes, destruction.
Your miracles seem so small in their shade, that my eyes shed tears.
How much longer, Eternal One, until your salvation?

Verzweifle nicht, mein Kind.
Dein mitfühlendes Herz ist so wertvoll.
Es sind die Herzen aus Stein, die das Leid verursachen.
Du weißt, dass Wasser Stein abschleifen kann, aber es dauert sehr lange.
Verzweifle nicht, mein Kind.
Ich habe Dich bewahrt.
Komm einfach zu mir, wenn Dir Dein Herz schwer ist und Deine Augen bluten.
Ich gebe Dir Frieden.

Do not despair, my child.
Your tender heart is so precious.
It’s the hearts of stone that cause the suffering.
You know that water can wear away stone, but it takes a long time.
Do not despair, my child.
I have kept you safe.
Just come to me when your heart is heavy and your eyes bleed.
I will give you peace.

Dieser Text entstand angesichts der furchtbaren Flutkatastrophe in unserem Land. Sie folgt einer langen Kette von Ereignissen auf unserem Planeten, die mich manchmal verzweifeln lassen. Gleichzeitig wächst meine Sehnsucht nach einem Ort, an dem es keine Krankheit, kein Leid und keinen Tod mehr gibt. Für hochsensible Menschen sind diese Zeiten wirklich herausfordernd, denn wir tragen nicht nur unsere eigenen Sorgen, sondern auch die unserer Mitmenschen. Bitte betet für die Flutopfer.

Die Aufnahmen wurden von mir vor einigen Monaten in der Nachbarschaft gemacht. Ich bin nicht von der Flut betroffen.

This text was written in view of the terrible floods in our country. They follow a long chain of events on our planet that sometimes make me despair while at the same time my yearning for a place grows where there is no disease, no suffering and no death. These times are truly trying for highly sensitive persons, for we not only carry our own worries but also those of our fellow human beings. Please pray for the flood victims.


Pictures were taken by me in my neighborhood a few months back. I am not affected by the flood.

(c) Annette Spratte 2021

Wer sich mit Geistern einlässt …

… darf sich nicht wundern, wenn nichts so läuft, wie man es erwartet hat. Anfang Dezember war ich noch guten Mutes, was mein Schreibprojekt „Der Mühlengeist“ angeht. Schreibstart war der 14. Dezember und ich wollte bis Ende Februar mit dem Rohentwurf fertig sein. Aber ach. Wie mühsam und sperrig gestaltete sich diese Geschichte! Von meinen bisherigen Projekten verwöhnt hatte ich erwartet, mich an den Rechner zu setzen und zuzusehen, wie meine Finger über die Tasten fliegen und der Roman quasi von selbst Gestalt annimmt.

Nichts dergleichen geschah. Satz für Satz musste ich mir qualvoll langsam aus dem Gehirn pressen. Wo ich sonst mit Leichtigkeit 2000 Wörter am Tag runterschrieb, war ich froh, wenigstens die Tausendermarke zu knacken. Ständig saß ich da und rätselte: Äh, und was passiert jetzt? Zweifel überrollten mich. Eine Geschichte, die man so mühselig aufs Papier quetscht, kann nicht interessant und schon gar nicht spannend sein.

Gott sei Dank habe ich meine hochgeschätzten Schreibbegleiter. Mein Mann und eine liebe Freundin bekommen die ungeschönten Rohkapitel geschickt, so wie ich sie fertig habe, und geben mir Feedback. Ich war völlig baff, als sie sagten, doch, die Geschichte ist spannend. Man fiebert mit, will wissen, wie es weitergeht! Ich glaube, ohne dieses Feedback hätte ich aufgegeben.

Der Mühlengeist – Projektplan

Zusätzlich kam erschwerend hinzu, dass meine Gesundheit mich mehr als einmal lahmgelegt hat. Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und mehrere Migräneattacken über drei Tage verhinderten das Vorankommen. Ihr seht die Lücken in der Grafik links. Wenn man die Grafik rechts realistisch betrachtet, bin ich trotz allem schon weit gekommen: Von den bis Ende Februar angepeilten 80000 Wörtern (das sind ungefähr 300 Buchseiten) hatte ich Mitte Februar knapp 60000 erreicht. Doch das Ende der Geschichte lag noch in weiter Ferne und ab März hatte ich den nächsten Übersetzungsauftrag zugesagt. Also habe ich mein Schreibziel einfach verschoben. Jetzt stehen 90000 Wörter bis Ende April im Plan. Das entspannt mich deutlich.

Vor einigen Tagen habe ich dann endlich die Szene erreicht, die mich von Anfang an am meisten an der Geschichte gereizt hat. Seither sind sowohl Schreiboutput als auch Motivation deutlich angestiegen. Endlich bin ich da angekommen, wo ich die ganze Zeit hin wollte und was mir anfangs schon durch den Kopf spukte. Und prompt läuft wieder alles anders, als geplant. Sorgfältig hatte ich mir die Abfolge der Szenen notiert, um mich beim Schreiben daran entlang zu hangeln, doch den Protagonisten war das mal wieder egal. Die drückten plötzlich aufs Gaspedal und die Ereignisse überschlugen sich. Leute, Bücher schreiben ist echt ein Abenteuer.

Ich kann zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, wie lang das Buch am Ende wird. Es liegt noch einiges vor mir und wer weiß, was der Mühlengeist noch für Überraschungen aus dem Hut zaubert. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Der Mühlengeist – neues Projekt

Während ich noch der Veröffentlichung der Kannenbäckerin entgegenfiebere, sind die Planungen für den nächsten Roman schon in vollem Gange. Der Schauplatz ist diesmal sehr nah an meinem Wohnort – quasi einmal über den Berg. Dort, in Michelbach, gibt es eine Mühle, die seit über 100 Jahren in Familienbesitz ist. Das an sich ist schon interessant, doch für meinen Geschmack noch viel zu nah an der Gegenwart. Glücklicherweise habe ich herausgefunden, dass an dieser Stelle schon im 16. Jahrhundert eine Mühle stand, sodass meiner Geschichte im 17. Jahrhundert nichts im Wege steht.

Herbststimmung im Westerwald

Die Recherche beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Was man da alles wissen muss! Was war der Stand der Mühlentechnik zum Ende des 30jährigen Krieges? Wie waren die Müller eigentlich in der Gesellschaft angesehen? Welche Gesetze gab es? Wie wurde mit Straftaten umgegangen, denn oh Schreck, im Mühlengraben wird eine kopflose Leiche gefunden! Auch mit den Sagen des Westerwaldes beschäftige ich mich, die gerade aus dieser Zeit einige skurrile Schätzchen zutage fördern. Am meisten hat mich dabei aber die Geschichte von dem wilden Mann begeistert, der mit seinen Hunden kopflos um Mitternacht über die Höhen streift und nur Knochen hinterlässt. Der fügt sich perfekt in meine Geschichte ein!

Wenn ich jetzt in Altenkirchen über den Schlossplatz laufe, versuche ich mir vorzustellen, wo das Schloss damals gestanden hat. Auch um die Mühle in Michelbach bin ich schon gestreift und habe versucht, in meinem Kopf die modernen Gebäude mit alten Fachwerkhäusern zu ersetzen. Es ist schon etwas Besonderes, sich so in die Vergangenheit seiner Heimat zu vertiefen.

Mündung des Mühlengrabens in die Wied

Ob man den Roman schlussendlich als historischen Krimi bezeichnen kann, lässt sich noch nicht so genau sagen. Geht es vordergründig um das Verbrechen oder doch eher um die kuriosen Vorkommnisse, die nach der Entdeckung der Leiche auftreten? Oder steht die Hauptfigur Sophie im Fokus, die sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Mannes aus dem Krieg wartet? Mein Kopf brummt schon vor Informationen und ungeschriebenen Szenen, die wie kleine Filme vor meinem inneren Auge ablaufen.

Eines weiß ich: Diese Story wird mich herausfordern, gerade weil sie so vielschichtig ist. Und genau das reizt mich. Schaffe ich es, den Leser auf die falsche Fährte zu locken? Kann ich die Spannung aufrecht erhalten? Werden die dramatischen Schicksale der Figuren sich gut in das Gesamtbild einfügen? Und welche Überraschungen werde ich beim Schreiben erleben? Die meisten Menschen gehen ja davon aus, dass ein Autor sich hinsetzt, sich eine Geschichte ausdenkt und die dann aufschreibt. Das ist nur bedingt so. Meistens entwickeln die Figuren ein Eigenleben, machen was sie wollen und als Autor muss man zusehen, wie man den Sack hinterher zugebunden kriegt.

Das ist vielleicht der Grund, warum eine Freundin neulich zu mir sagte: Du redest über dein Buch, als hätte es jemand anderes geschrieben. Ich kreiere die Figuren nicht, ich lerne sie im Laufe des Schreibens kennen, lache mit ihnen, weine mit ihnen, und sorge dafür, dass ihre Geschichte erzählt wird. Es ist jedes Mal ein aufregendes Abenteuer. Der Schreibstart für den Mühlengeist wird vermutlich um Weihnachten herum liegen – auch wenn ich das erste Kapitel schon geschrieben habe. Aber das war nur ein erster Test, den ich schon fünfundzwanzig Mal überarbeitet habe. Jetzt bietet er mir einen guten Einstieg, sodass ich dann hoffentlich zügig voran komme. Erst muss ich allerdings noch ein Übersetzungsprojekt beenden, denn ich will mich ganz auf diese Geschichte einlassen können.

Die Kannenbäckerin – Hintergründe

Im Januar 2021 ist es so weit: Der nächste historische Roman aus meiner Feder erscheint und diesmal bewegen wir uns im Deutschland des 17. Jahrhunderts, genauer gesagt im Westerwald während des Dreißigjährigen Krieges.

Es gibt nicht weit von meinem Wohnort eine Region, die sich das Kannenbäckerland nennt. Reichhaltige Tonvorkommen in Kombination mit viel Wald boten optimale Bedingungen für das Töpferhandwerk, das im 17. Jahrhundert trotz des Krieges seine Blütezeit erlebte. Zahlreiche Töpfer siedelten sich hier an und produzierten qualitativ so hochwertiges Steinzeug, dass es in die Fürstenhäuser ganz Europas und sogar bis nach Amerika exportiert wurde.

Natürlich besuchte ich bei meinen Recherchen das Keramikmuseum Westerwald. Die Tatsache, dass die Leute damals Holzöfen auf Temperaturen von 1200° Celsius feuerten, faszinierte mich ebenso wie die unglaublichen Kunstwerke, die geschaffen wurden. Hier seht ihr eine kleine Auswahl:

Auch die Recherchen über das Salzbrennverfahren fand ich ausgesprochen spannend und war froh, dass meine Protagonistin Johanna damit als Kind in Berührung kommt und so dieses ganze unheimlich anmutende Unterfangen sehr intensiv erlebt.

Vor Ort Recherche war für mich in verschiedener Hinsicht überraschend. Während der von mir gewählte Hauptschauplatz der Geschichte, nämlich der Ort Hilgert, so groß ist, dass man sich ein Dörfchen mit 10 Häusern kaum noch vorstellen kann, schien sich Grenzau, Sitz des Grafen von Isenburg, der die Töpferei stark förderte, kaum verändert zu haben.

Nach dem Besuch musste ich einige Passagen überarbeiten und den neugewonnenen Ortsvorgaben anpassen. Dass Grenzau beispielsweise so tief in einem Talkessel liegt, hatte ich nicht erwartet. Für die Zukunft weiß ich, dass ich erst eine Ortsbegehung mache und dann schreibe.

Es ist ein besonderes Vergnügen, in die Geschichte der eigenen Heimat einzutauchen und herauszufinden, wie die Menschen hier früher gelebt haben. Deswegen werden auch zukünftige Romane von mir hier im Westerwald spielen.

Doch zurück zur Kannenbäckerin. Es war gar nicht unüblich, dass Frauen die Berufe ihrer Männer beherrschten und auch ausübten, wenn dem Mann etwas zustieß. Die Zunft der Kannenbäcker hatte allerdings sehr strenge Regularien. Nur der älteste Sohn eines Töpfermeisters durfte seinerseits Meister werden. Die Nachfrage an Geschirr, Kannen, Einmachtöpfen und Mineralwasserflaschen (ja, wirklich!) war aber wohl so groß, dass auch Töpfer über die Runden kamen, die keine Meister waren. Sie wurden ‚Schnatzen‘ genannt. Doch aufgrund der besonderen Umstände, unter denen meine Kannenbäckerin ihr Handwerk erlernt hat, werden ihr haufenweise Steine in den Weg gelegt und sie sieht sich irgendwann sogar mit einer Hexenanklage konfrontiert.

Ich war nicht wenig überrascht, dass die Hexenprozesse alles andere als willkürlich waren. Es gab ein genau festgelegtes Prozedere, nach dem vorgegangen wurde. Die Willkür lag meist bei den Anklägern und der Habgier der Inquisitoren, die für jede verurteilte Hexe gut bezahlt wurden. Tatsächlich wurde ein Mitglied der berühmten Töpferfamilie Knütgen als Hexer angeklagt und landete auf dem Scheiterhaufen, was im Roman für eine interessante Wendung sorgt.

Die Figuren im Roman sind frei erfunden, doch ich habe mich der Nachnamen einiger Töpferdynastien der Zeit bedient. Genaue Zeitangaben sucht man vergebens, denn die historischen Ereignisse ließen sich mit Johannas Lebensgeschichte nicht richtig überein bringen. Die Gründung der Zunft und das Ende des Krieges als zwei historisch relevante Eckdaten hätten erfordert, dass ich mehrere Jahre hätte überspringen müssen. Das hätte den Fluss der Geschichte gestört, also habe ich bewusst auf Datierungen verzichtet. Dem Leser wird das nur auffallen, wenn er selbst intensiv recherchiert.

Abschließend freue ich mich, euch das Cover des Romans präsentieren zu können. Sobald das Buch vorbestellbar ist, werde ich es natürlich auf der Homepage verlinken.

Erscheint Januar 2021