Siehe, ich mache alles neu

Da stehe ich nun. Verblichen, abgenutzt, mit einigen Rissen.

Ein alter ausrangierter Ohrensessel steht im Gras

Das alte Jahr hat mir viel abverlangt. Sehr viel, aber nicht zu viel. Meine Seele fühlt sich an wie ein umgegrabes Beet. Alles ist aufgewühlt. Unkraut wurde ausgerissen. Feste Klumpen zerschlagen und die ganze Erde aufgelockert. Es tut weh.

Deswegen bin ich froh über die kühlende Decke aus Schnee, die sich jetzt über alles legt. Die Dinge dürfen sich setzen, zur Ruhe kommen. Ich darf zur Ruhe kommen. Darf das Unkraut loslassen und die schweren Klumpen, die auf mir lasteten. Darf dankbar sein für die Grabgabel, die all das bewirkt hat-trotz des Schmerzes, der damit einher ging. Denn jetzt kann ich heilen.

Im Frühjahr dann, wenn der Schnee schmilzt und es wärmer wird, werde ich sehen, was alles neu aus meiner Seele sprießt. Ich weiß, es wird bunt und kräftig wachsen. Der Boden wurde gut gedüngt. So ruhe ich mit Freude und Hoffnung auf das, was kommen wird. Ich mache mir nicht die Illusion, dass mir keine Probleme mehr ins Haus stehen. Aber ich werde ganz anders mit ihnen umgehen können.

Herzlich willkommen 2026. Ich bin gespannt, was du für mich bereit hältst.

Die Kraft klarer Entscheidungen

Kennst du das? Es gibt eine Situation in deinem Leben, die eine Entscheidung erfordert, und du überlegst hin und her, wägst Für und Wider ab, sammelst Informationen, fragst Freunde um Rat und verbringst schlaflose Nächte. Mal denkst du, die eine Lösung wäre richtig, dann die andere. Mitten in der Nacht fällt dir womöglich noch eine dritte ein und um den Schlaf ist es geschehen.

So ging es mir die letzten zwölf Jahre. Ja, richtig gelesen! Seit zwölf Jahren kaue ich an einer Frage herum, die sich für mich nicht lösen ließ, weil mir eine entscheidende Komponente fehlte: Der Mut.

Ich wusste längst, in welche Richtung meine Meinung tendierte. Doch das Selbstbewusstsein, die Entscheidung zu fällen und mit den Konsequenzen umzugehen, fehlte mir. Bis vor drei Wochen. Da stand mir plötzlich glasklar vor Augen, welchen Weg ich einschlagen musste. Kein leichter Weg, aber ein notwendiger. Und nach zwölf Jahren des Ringens spürte ich, wie befreiend eine klare Entscheidung ist.

Die Unentschlossenheit hatte mich gelähmt und viel Energie gebunden. Ich war gefangen in alten Glaubenssätzen und Träumen, die inzwischen gar keine Relevanz mehr für mich hatten. Sich das einzugestehen und loszulassen, erfordert großen Mut. Und ja, es tut weh.

Wäre ich nicht gläubig, wäre ich diesen Weg vermutlich nicht gegangen. Ich hätte zu viel Angst gehabt vor dem Schmerz. Hätte meine Entscheidung immer wieder angezweifelt. Doch so kann ich sagen: Gott hat mir nicht nur den Mut geschenkt, sondern auch Frieden. Einen inneren Frieden , wie ich ihn selten erlebt habe und der mich feit gegen die Zweifel, die mich überrollen möchten. Wenn diese Gedanken auftauchen (und das tun sie), halte ich ihnen ein Stoppschild vor die Nase. Halt. Ich habe diese Entscheidung nach sorgfältiger Abwägung getroffen und meinen Frieden darüber. Es ist gut so, also halt die Klappe. Das erfordert Selbstvertrauen.

Wenn du wie ich an einem Thema herumkaust, dann möchte ich dir Mut zusprechen. Trau dich, eine Entscheidung zu fällen. Beweg dich heraus aus dem lähmenden Niemandsland der Unentschlossenheit. Du darfst dir selbst vertrauen, dass du gute Entscheidungen treffen kannst. Und selbst wenn es noch eine bessere Entscheidung gegeben hätte – sie ist dir halt nicht eingefallen. Punkt. Die zweitbeste Lösung ist immer noch besser als Stillstand. Und wenn du ebenfalls gläubig bist: Warte nicht auf den Brief vom Himmel. Gott geht jeden Weg mit, den du einschlägst. Er kann dich deutlich besser lenken, wenn du in Bewegung bist.

Wie sieht es bei dir aus? Kannst du gut Dinge entscheiden?

Feldweg im Abendlicht mit blühenden Ästen im Vordergrund

Die Naivität des Guten

Wenn ich mich in der Welt umschaue, dann bin ich immer wieder erschüttert und schockiert, wozu Menschen alles fähig sind. Da wird gelogen, geraubt und geplündert, vergewaltigt und gemordet und gefoltert und man braucht nicht ins düstere Mittelalter zu blicken, um Beispiele zu finden. Ob es die brutale Vorgehensweise der russischen Soldaten in der Ukraine ist oder der Fulanihirten oder Boko Haram Kämpfer in Afrika, der Hamas in Gaza oder der kriminellen Banden in Mexiko, ist völlig egal. Das Leid und die Angst sind überall auf der Welt gleich. Selbst die Sicherheit, in der ich hier in Deutschland aufgewachsen bin, ist an vielen Stellen ein Trugbild. Ich hatte bisher Glück, dass ich vor Grausamkeiten bewahrt geblieben bin.

In letzter Zeit häufen sich auch hier die Anschläge und das Entsetzen ist groß. Zu Recht. Es will mir nicht in den Kopf, wie man auf die Idee kommen kann, gezielt mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren. Ich bin Autorin. Ich habe eine lebhafte Fantasie und kann mir vieles vorstellen. Trotzdem bin ich fassungslos, weil es tief in mir eine Sperre gibt, die verhindert, dass ich anderen Schaden zufüge. Ich könnte das gar nicht. Im Gegenteil, ich bin einer jener merkwürdigen Gutmenschen, die anderen gern helfen wollen. Für die Teilen eine natürliche Reaktion ist. Die gar nicht intensiv nachdenken müssen, wie man unterstützt und fördert.

Ich glaube, als Gesellschaft sind wir in Deutschland noch überwiegend gut. Den meisten geht es wie mir. Sie leben vor sich hin, ohne eine Spur von Grausamkeit hinter sich her zu ziehen. Und sind so naiv zu glauben, dass das normal sei. Dass selbstverständlich jeder vor Gräueltaten zurückschreckt. Dass Vernunft und Gesetzestreue tief in uns verankert sind, ebenso wie die Wertschätzung von Wahrheit und Respekt anderen Menschen gegenüber.

In letzter Zeit hat sich dieses Blatt gewendet. Der gesellschaftliche Ton ist ein anderer geworden. Wer sich für andere einsetzt, findet sich plötzlich in einer Verteidigungsposition wieder. Rettungssanitäter werden angepöbelt, Seenotretter vor Gericht gestellt und Flüchtlingshelfer verhöhnt. Das ist die kleine Dimension. Die große Dimension sieht Machthaber, die über andere Länder herfallen, radikale Lügen verbreiten und getroffene Absprachen und Verträge einfach über den Haufen werfen. Die Schockwelle dieses Verhaltens rollt um den ganzen Globus und ist in ihrer Zerstörungskraft noch gar nicht abschätzbar. Und wir? Wir stehen da wie vom Donner gerührt, weil wir nicht fassen können, dass jemand das, was wir als allgemeingültige Werte ansehen, hemmungslos mit Füßen tritt.

Man wirft dann den Politikern und Behörden vor, sie wären träge, hätten es verhindern müssen, hätten darauf vorbereitet sein müssen, müssten schneller und entschiedener reagieren. Aber ganz ehrlich? Wie soll ich auf etwas vorbereitet sein, was ich mir gar nicht vorstellen kann? Der Glaube an das Gute, an den gesunden Menschenverstand, an die Demokratie und den Willen, nicht nur an sich, sondern auch an die um uns herum zu denken, verhindert oft, dass wir das schlimmste Szenario in Betracht ziehen. Wenn es dann eintritt, sind wir erstmal gelähmt und müssen dann reagieren. Verzweifelt nach Lösungen suchen, wie man diesen eklatanten Rechtsverletzungen begegnet. Weil wir eben ein bisschen naiv sind.

Ich mag diese Naivität. Ich will sie nicht aufgeben. Ich will dem Bösen in meinem Leben keinen Raum geben, will nicht ständig überlegen, welche Katastrophe als Nächstes eintritt. Ich möchte weiter an das Gute im Menschen glauben und hilfsbereit sein. Trotzdem blicke ich der Realität ins Gesicht, dass ich mit dieser Haltung immer einsamer werde.

Aber – und diese Wahrheit hat sich vielfach bewährt – je dunkler es ist, desto heller strahlt selbst das kleinste Licht. Und desto größer wird die Sehnsucht nach dem Licht. Mein Vorteil in meiner Naivität ist, dass ich nicht selbst leuchten muss. Ich bin nur die Kerze. Das Feuer kommt von Gott und Er hat versprochen, dass die Finsternis nicht siegen wird. Egal, wie sehr sie tobt, sie kann das Feuer nicht auslöschen. Das Bedürfnis, Gutes zu tun, ist kein Kraftakt. Es steckt sozusagen in meiner DNA. Deswegen werde ich auch nicht damit aufhören, auch wenn es gerade nicht en vogue ist.

Westerwald im Morgennebel

Manchmal muss man Neues tun …

… auch wenn es sinnfrei erscheint. So wie ich gestern. Nun, einen Sinn hatte mein Tun schon, denn in unserem Garten war ein Zwetschgenbaum an einer sehr ungünstigen Stelle wild gewachsen. Grundsätzlich nehme ich Einwanderer in meinem Garten sehr freundlich auf, aber dieser Geselle musste nun doch weichen, weil er meinem Gemüse das Licht nahm. Außerdem kränkelte er.

Jeder vernünftige Mensch (wie mein Mann zum Beispiel) hätte die Kettensäge herausgeholt und das Stämmchen in fünf Minuten umgelegt. Ich hatte mir jedoch in den Kopf gesetzt, diesen Baum mit der Axt fällen zu wollen. Einfach nur, weil ich das noch nie getan habe. Mit der Prozedur hatte ich mich für meinen Roman ‚Das Holz, aus dem wir geschnitzt sind‘ ausführlich beschäftigt und wusste daher auch um die Gefahren, die in diesem Fall bei nur zweieinhalb Metern Stammhöhe und höchstens zwanzig Zentimetern Durchmesser überschaubar waren. (Die Krone hatte ich vorher schon gestutzt.) Aber wie fühlt es sich an? Und schaffe ich das überhaupt?

Der von mir gefällte Baum mit Axt

Ich habe es geschafft und circa eine Stunde dafür gebraucht. Zwischendurch war ich dreimal kurz davor, aufzugeben und den Mann mit der Kettensäge doch noch zu rufen. Bäume mit der Axt zu fällen ist echt anstrengend, vor allem wenn man wie ich eigentlich kaum Kraft hat, keine Übung und die Hälfte der Schläge nicht gut treffen. Aber die Schläge, die satt gesessen haben, erfüllten mich mit einer unglaublichen Zufriedenheit. Holzstücke flogen in alle Richtungen. Ich erreichte den dunklen Kern des Stammes und wusste, jetzt muss ich öfter Pause machen und prüfen, wie stabil der Baum noch steht. Und dann merkte ich irgendwann, jetzt! Jetzt fängt er an zu wackeln. Zu Fall gebracht habe ich ihn dann nicht mit einem Axthieb, sondern mit Drücken, damit er in die richtige Richtung fällt. Das Knirschen und Krachen des Holzes war sowohl Triumph als auch Bedauern.

Ich liebe Bäume. Vor Jahren habe ich mir einen künstlichen Weihnachtsbaum angeschafft, weil ich beim jährlichen Tannenmassenmord nicht mehr mitmachen wollte. Und so habe ich mich hingehockt und die Hand auf den gefallenen Stamm gelegt und mich still entschuldigt und bedankt für das Holz, das mein Mann jetzt zum Drechseln und Schnitzen verwenden kann. Aus Respekt vor der Schöpfung, derer ich mich bediene. Denn es ist für mich keine Selbstverständlichkeit, dass wir uns an dieser Erde bedienen. Ich bedanke mich auch in Gedanken beim Gemüse, wenn ich es ernte, denn es ernährt mich und geht selbst dabei drauf.

Vielleicht klingt das für dich etwas merkwürdig. Ich denke so bei mir: Wenn die Menschen mehr Respekt vor der Schöpfung hätten, würde unsere Welt vermutlich deutlich weniger Probleme haben. Aber das ist noch ein ganz anderes Thema, auf das ich jetzt nicht eingehen möchte.

Abends war ich erschöpft, aber stolz. Ich habe es geschafft, mit meinen spärlichen Kräften einen Baum zu fällen. Trotz Blase an der Hand und gewissen Muskelschmerzen hier und da bereue ich es nicht. Ich bin um eine Erfahrung, nein, ein Erlebnis reicher. Wiederholen muss ich es glaube ich nicht. Da mache ich dann vielleicht lieber einen Kettensägekurs. Ist für mich auch was Neues.

Hast du dieses Jahr schon etwas Neues ausprobiert? Oder planst es zu tun?

1. Buchmesse am Mittelrhein

Tag 1

Sayner Hütte neben der Halle, in der die Messe stattfand.

Am 25. und 26. Januar 2025 öffnete die Sayner Hütte in Bendorf-Sayn erstmals ihre Türen für Bücherliebhaber, organisiert vom Kulturwerk rheinland-pfälzischer Schriftsteller e.V. Das Gelände der alten Industriehallen bot ein tolles Ambiente, für die ausgesprochen gut besuchte Messe.
Diesmal war ich schlauer gewesen als in Koblenz letztes Jahr und hatte mir Verstärkung mitgebracht. Zwei Freundinnen hatten sich bereit erklärt, mir jeweils an einem Tag tatkräftig zur Seite zu stehen.

Autorin Annette Spratte hinter ihrem Büchertisch, der mit Blumen in Schuhen dekoriert ist.
Foto: Beate Meyer

Mit von der Partie war natürlich mein brandneuer Roman Blumen im Schuh. Um ihn entsprechend in Szene zu setzen, hatte ich mir extra ein paar schicke Schuhe ausgeliehen, denn die Treter, in denen ich unterwegs bin, hätten die Besucher wohl eher erschreckt als ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ich lebe auf recht großem Fuß und da ich sowieso schon die meisten Menschen um mich herum überrage, verzichte ich gern auf höhere Absätze. Deswegen finden sich bei mir keine so hübschen Schühchen. Anna Hübner vom Blog Annislesewelt, die mit ihrem Zitat auf der Rückseite meines Buches verewigt ist, hat mir allen Ernstes ihre Schuhe per Post geschickt, weil sie so gut zum Buch passen. Unglaublich!

Die Messe wurde vom Ortsbürgermeister Christoph Mohr eröffnet, der nicht nur eine hervorragende Rede über den Wert der Literatur in unserer politischen Gesellschaft hielt und zum Wählen aufrief, sondern sich auch die Zeit nahm, mit jedem einzelnen Aussteller zu sprechen. Kaum gingen die Türen auf, tummelten sich Besucher in der Halle. Mit meinem Platz in der Mitte war ich sofort im Geschehen, durfte Leser begrüßen, Fragen beantworten und reichlich Bücher signieren und in eine neue Heimat entsenden.
Als Verkaufsschlager stellte sich allerdings nicht die Neuerscheinung heraus, sondern die gute alte Kannenbäckerin, was vermutlich der Nähe zum Kannenbäckerland geschuldet war. So tauchten gleich mehrere Mitarbeiterinnen der Bibliothek in Hilgert (Schauplatz meines Romans) auf und erzählten mir, dass sie a) das Buch selbst heiß und innig liebten, b) auch die Besucher der Bibliothek es häufig ausliehen und c) sie sich nichts sehnlicher wünschten als eine Lesung mit mir. Unter solchen Bedingungen ist es schier unmöglich, Nein zu sagen.

In fröhlicher Erinnerung ist mir auch die Begegnung mit einer Dame, die einen Pulli mit der Aufschrift „Keine Angst, die will nur Kekse“ in Krümelmonster-Blau trug. Sie betrachtete noch ganz konzentriert meinen Tisch, als ich sie mit meinem Ausruf „Ich will den Pulli!“ aus dem Konzept brachte. Wir haben herzhaft gelacht und uns über meine Jabando-Reihe ausgetauscht, aber den Pulli hat sie behalten. Kann ich auch irgendwie verstehen.

Am Ende des ersten Tages waren meine Vorräte an Kannenbäckerinnen auf zwei Exemplare geschrumpft, was ich an dem Abend in einem Instagram-Post kundtat, nichtsahnend, dass die Inhaberin meiner Lieblingsbuchhandlung es lesen würde. Prompt stand am nächsten Tag Solveig von der Wäller Buchhandlung mit einem Karton im Arm vor mir. „Alles, was du nicht verkaufst, gibst du mir signiert zurück“, sagte sie und reichte mir ihren Vorrat an Kannenbäckerinnen. Die Frau ist unschlagbar.

Tag 2

Am Sonntag ging es dann noch einmal richtig rund. Deutlich mehr Besucher als am Vortag, dazu die Ehrung der Gewinner des Schreibwettbewerbes für Kinder, der parallel zur Messe ausgelobt worden war, und natürlich im Nachbarhaus die Lesungen, für die ich leider kein Los gezogen hatte. Eigentlich hatte ich selbst einmal über die Messe schlendern wollen, doch das hätte ich am Samstag tun müssen, denn Sonntag war dafür definitiv keine Zeit. Ich war sehr froh, Unterstützung dabei zu haben, die mir das Kassieren abnahm. Zwei Bücher habe ich dennoch erstanden, und zwar vor Messebeginn. Die werde ich bei Gelegenheit gesondert hier vorstellen.
Dass auch Autoren gern lesen, ist kein Geheimnis. Dass allerdings meine Standnachbarin Ute Simon von der Hakunamatata Foundation (ein Hilfswerk für Kinder in Kenia) sich auf meine Tochter der Hungergräfin stürzte, hatte noch einen anderen Grund: Sie ist mit der Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn bekannt.

Hoher Besuch

Gabriela Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn mit glücklicher Autorin und ihrem Werk Die Tochter der Hungergräfin
Foto: Heidi Riebesehl

Es kam, wie es kommen musste. Besagte Fürstin gab sich in der Sayner Hütte ein Stelldichein und meine Tischnachbarin hielt ihr direkt mein Buch unter die Nase. „Das schenke ich meinem Mann!“, rief die entzückt und kaufte direkt ein Exemplar, wobei sie auch darum bat, ein Foto von mir machen zu dürfen. ‚Sei nicht feige‘, dachte ich mir und bat meinerseits um ein Foto. Auch wenn sie keine direkte Nachfahrin meiner Protagonistin ist, ist es schon etwas sehr Besonderes zu wissen, dass mein Roman jetzt seinen Weg ins weit verzweigte Fürstenhaus Sayn-Wittgenstein gefunden hat.

Fazit

Wieder einmal habe ich festgestellt, dass mir solche Messen unglaublich viel Spaß machen. Es ist so faszinierend, wie unterschiedlich die Menschen sind, welche Eigenarten und Lesevorlieben sie haben und wie sie auf Ansprache reagieren. Ich war zwar am nächsten Tag platt wie eine Briefmarke und hatte große Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren, aber die vielen Eindrücke und tollen Begegnungen wogen das allemal auf. So werde ich auch am 5. Oktober wieder in Koblenz mit am Start sein. Merkt euch den Termin schon einmal vor!

Cover Reveal Blumen im Schuh

Endlich ist es so weit! Ich darf offiziell Titel und Cover meines neuesten Romans bekanntgeben. Es handelt sich diesmal nicht um einen historischen Roman, sondern um einen zeitgenössischen Ü40 Frauen-Freundschafts-Entwicklungsroman mit viel Humor, wichtigen Lebensweisheiten, Bauernhofidylle, zu viel Kaffee und einer Katze namens Erna.

Da dieses Genre im Buchhandel so nicht zu finden ist (warum eigentlich nicht?), nennen wir es schlicht Gegenwartsliteratur. Hier ist die Beschreibung:

Wenn eine konservative Buchhalterin bei einer freiheitsliebenden Sozialarbeiterin einzieht, fliegen die Fetzen – es sei denn, die beiden haben etwas gemeinsam.
Als Elisabeth kurz vor der Silberhochzeit ihren Mann beim Ehebruch ertappt, zerbricht ihre Welt in tausend Scherben. Ihr Zufluchtsort ist der abgeschiedene Bauernhof ihrer verrückten Schwägerin Anja, denn dort wird ihr Mann sie garantiert nicht vermuten. Zwischen herzlichem Chaos, bedingungsloser Annahme, Teenie-Dramen und unkonventioneller Lebensgestaltung findet Elisabeth allmählich wieder zu sich selbst. Doch woher soll sie die Kraft und Zuversicht für einen Neustart nehmen, wenn ihr ständig Steine in den Weg gelegt werden?
„Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an völlig gepackt und mir sehr gefallen. Ich mochte einfach nicht aufhören zu lesen und war erstaunt, dass Lachen und Weinen so nahe beieinanderliegen können.“ – Anna Hübner, Bloggerin von Annislesewelt

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Anna, die das Buch vorab gelesen und mir wertvolles Feedback gegeben hat.
Aber warum habe ich so eine Geschichte geschrieben? Alles begann im Schaukelsessel unter dem Kirschbaum. Dort saß ich nämlich im Sommer 2022, schaute in die Ferne und fragte Gott nach einer neuen Romanidee. Und dann waren sie plötzlich da: die völlig verklemmte Elisabeth, Anja mit ihrem losen Mundwerk, der narzisstische Wolfgang. Dazu die Frage, wieso es einem Ehebrecher gelingen kann, sich in einer christlichen Gemeinde als Opfer darzustellen, weil seine Frau ihn verlassen hat. ‚Oh‘, dachte ich. ‚Brisant.‘ Narzissmus und Täter-Opfer-Umkehr gehen meist Hand in Hand, denn Narzissten verstehen es hervorragend, allen anderen die Schuld zuzuschieben und sich selbst mit reinweißer Weste zu präsentieren. Leider weiß ich das aus persönlicher Erfahrung, was auch der Grund ist, warum ich dieses Buch schreiben musste, obwohl der Verlag zunächst abgelehnt hatte.

Meine persönliche Begegnung mit dem Thema Narzissmus ist völlig anders gelagert als in diesem Buch, aber die Folgen, die sich durch mein gesamtes Leben ziehen, sind die gleichen. Mit dieser Geschichte möchte ich ein Bewusstsein dafür schaffen, wie massiv Opfer von Narzissten in ihrem Leben, Denken und Handeln beeinflusst werden und wie schwer es ist, sich daraus zu befreien. Gleichzeitig möchte ich Mut machen: Es ist möglich, sich daraus zu befreien.

Und damit ich diesen Prozess beim Schreiben gut aushalten konnte, habe ich die Story mit sehr, sehr viel Humor gespickt. So viel, dass ich mich beim Korrekturlesen fast an meinem Tee verschluckt hätte, weil ich einen Gag komplett vergessen hatte. Was es mit dem Titel auf sich hat? Nun, da gibt es eine kleine Szene…

Ich setzte mich und streifte meine Schuhe ab. „Oh, das tut gut.“
„Bist du in den Mädchenschuhen in die Stadt gelaufen?“, fragte Anja.
„Mädchenschuhe?“
Sie schnappte sich einen meiner Schuhe und betrachtete den Absatz.
„He! Gib den wieder her!“
„Ich gebe dir jetzt mal einen ganz heißen Tipp. Kauf dir was Bequemes. Das hier …“ Sie wackelte mit dem Schuh. „… ist glatter Selbstmord.“
„Nein, das sind bequeme Schuhe“, verteidigte ich mich.
„Und warum tun dir dann die Füße weh? Hm?“ Sie hängte den Schuh mit dem Absatz an die Rückenlehne eines Stuhls. „Das ist die Idee! Wir hängen deine Schuhe auf und pflanzen Blumen rein.“
„Was? Nein! Gib her.“ Ich stand auf und wollte mir den Schuh schnappen, war aber zu langsam.
Anja rannte damit zum Zaun am Gemüsegarten und hängte ihn dort auf. „Klaus, guck mal! Ist das nicht ne tolle Deko? Wir könnten Stiefmütterchen da rein pflanzen. Oder Erdbeeren!“ Klaus war zum Glück zu weit weg, um sie zu hören.

Warum wird das Buch nun doch bei Francke erscheinen? Nach intensiven Gesprächen mit der Verlagsleiterin hatte ich versprochen, ihr das fertige Manuskript zuzusenden, was ich natürlich getan habe. Sie hat es gelesen (oder besser gesagt an einem Wochenende durchgesuchtet) und war restlos überzeugt. Ich freue mich sehr, dass ich diesen Schritt in ein weiteres Genre wieder mit Francke gehen darf, denn uns verbindet inzwischen eine sehr gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit, was nicht selbstverständlich ist. Sobald der Roman vorbestellbar ist, werde ich die entsprechenden Links auf meiner Seite setzen.

Koblenzer Buchmesse/Book Fair

Am 27. Oktober 2024 öffnete erstmals die Koblenzer Buchmesse ihre Tore. Für mich ein Heimspiel, denn der Westerwald liegt gleich nebenan und Begriffe wie die Grafschaft Sayn oder das Kannenbäckerland sind jedem geläufig. So war es kein Wunder, dass meine historischen Romane das Interesse des Publikums weckten, quer durch alle Altersgruppen.

Ich war sehr gespannt, ob viele Menschen kommen würden. So eine Premiere ist ja immer ein Überraschungsei und ich habe es leider auch schon erlebt, dass nichts los war und die Messe eine Eintagsfliege blieb. Umso schöner, dass sich in Koblenz bereits vor Messebeginn Menschentrauben vor dem Eingang bildeten. Ich war mit meinem Stand mitten in der Halle angesiedelt und mutig allein angereist, basierend auf meinen vergangenen Erlebnissen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich durchgehend belagert werden würde!

Zwischen 10 und 16.30 Uhr hatte ich kaum Gelegenheit, mal in mein Brot zu beißen oder die gekachelten Nebenräume aufzusuchen. Ständig hatte ich interessierte Menschen vor mir, die mir allerlei Fragen stellten, Bücher kauften und natürlich von der Möglichkeit Gebrauch machten, diese signieren zu lassen. Gefühlt habe ich den ganzen Tag geredet, über Recherche, Schauplätze und Inhalte, aber auch über meinen Wohnort und die Inspiration, die zu den jeweiligen Büchern geführt hat.

Es war wirklich schön, so direkt mit Lesebegeisterten im Kontakt zu sein, aber auch die Begegnungen mit Autorenkollegen und Kolleginnen waren spannend, bereichernd und hilfreich – wenn sie mich kurz am Stand vertreten haben, damit ich mal Luft schnappen konnte. Das nächste Mal werde ich mir definitiv Helfer mitnehmen. Ich war dann doch froh, als sich gegen halb fünf die Besucherreihen etwas lichteten. Als ich gegen halb acht nach Hause kam, schaffte ich es gerade noch, etwas zu essen, dann fiel ich völlig erledigt ins Bett.

Am nächsten Tag ließ ich die Dinge langsam angehen, packte mein Auto aus, zählte Bücher und Geld (yay!) und grinste sehr viel. Die nächste Messe ist bereits gebucht für den 25./26. Januar 2025 in Bendorf. Dort werde ich aller Voraussicht nach mein neues Buch präsentieren können!

On October 27, 2024, the Koblenz Book Fair took place for the first time. It was a home game for me since the Westerwald is right next door and words like the County Sayn and the Potbaker’s Land are commonly known. No wonder, then, that my historical novels created quite a stir among the visitors, no matter what age.

I was curious how many people would show up. Such a premiere is always a surprise and in the past I attended fairs where nobody came and they never took place again. Knowing this, it was a great joy to see people standing in groups prior to the start in Koblenz, waiting to be let in. My table was situated in the middle of the hall and I’d come by myself, the decision courageously based on my past experience. Little did I know that I would be beleaguered non-stop!

Between 10 a.m. and 4.30 p.m. I hardly had a chance to take a bite from my sandwich or pay the tiled rooms a visit. There were always interested people thronging my table, asking questions, buying books, and of course taking advantage of the chance to have them signed. It felt as if I was talking all day long about research, settings, and content, but also about where I live and what inspired me to write each book.

It was wonderful to be directly in touch with book lovers. On top of that, meeting fellow authors was exciting, enriching and helpful – in those instances, where they watched my table so I could nip outside to catch my breath. Next time, I’m definitely going to take helpers along. When the stream of visitors began to ebb off around 4.30 p.m., I admit I was relieved. I got home around 7.30 p.m. and barely managed to eat something before toppling into bed, completely exhausted.

The next day I took things slow, unpacked my car, counted books and money (yay!), and smiled a lot. The next fair is booked for January 25/26 next year in Bendorf, where I will most likely be able to present my newest release!

Und ewig singen die Wälder – Rezension

Dieser Titel! Als ich das Buch beim Stöbern in der örtlichen Bücher-Zelle in die Finger bekam, war es um mich geschehen. Gulbranssen? Nie gehört. Die Geschichte spielt in Norwegen und in diesem Setting habe ich noch nichts gelesen, also kam das Buch mit nach Hause. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich einen weltberühmten Klassiker ergattert hatte!

Wenn ich mir anschaue, was es heute alles für schlaue Tipps gibt, was man beim Bücher schreiben auf gar keinen Fall tun darf, dann hätte dieses Werk kein Klassiker werden können. Die Perspektive wechselt ohne Vorwarnung wahllos dorthin, wo sie gerade gebraucht wird, von einem alten Bären über Hauptfiguren hin zu Nebenfiguren, deren Sichtweise nur einmal relevant ist. Man weiß nicht, in welcher Zeit man sich eigentlich befindet oder wo genau. Irgendwo in Norwegen im 17. oder 18. Jahrhundert, würde ich sagen. Hat es mich gestört? Nein. Kann ich die Geschichte irgendwie zusammenfassen? Ebenfalls nein.

Was ich aber sagen kann, ist, dass sie einen mitnimmt. Zum einen atmet man förmlich norwegische Waldluft beim Lesen. Landschaftsbeschreibungen sind ja nicht jedermanns Sache, aber ich mag sie und hier sind sie sehr atmosphärisch und poetisch in die Geschichte eingeflochten. Sie gehören zum Wesen der Figuren wie ihr Aussehen und Verhalten. Man wird aber auch mitgenommen in die tiefsten Tiefen der menschlichen Seele, ungeschönt und ehrlich. Wenn ich ein Wort finden müsste, das dieses Familiendrama zusammenfasst, dann wäre es ‚gewaltig‘. Egal, ob Natur, ob Schicksalsschläge, ob Charakterentwicklung oder Glaubensfragen, hier plätschert nichts oberflächlich dahin. Kein Wohlfühlroman-und vermutlich habe ich mich genau deswegen hier extrem wohlgefühlt. Es gibt noch ein drittes Buch (in diesem sind zwei Bände enthalten), das ich unbedingt noch lesen muss. Ich kann nur immer wieder sagen: Ich liebe Klassiker. Falls jemand Band 3 im Regal stehen hat und nicht mehr braucht, darf er sich gerne bei mir melden.

Schreibupdate 1/24

Der halbe Februar ist schon wieder rum, dabei hatte das Jahr doch gerade erst angefangen! Zeit für einen Blick auf meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dezember und Januar standen ganz im Zeichen des Projekts BiS, das ich bis Ende Januar fertig haben wollte. Irgendwie hatte ich angenommen, dass diese Geschichte nicht so viel Raum einnimmt, und sie mit 65 000 Wörtern recht knapp angesetzt. Dieses Schreibziel war Mitte Januar erreicht, allerdings war das Ende der Story noch nicht in Sicht. Also habe ich das Schreibziel nach oben korrigiert. Die neuen 80 000 Wörter hatte ich dann zum Monatsende geknackt, aber …

Tja, jetzt stehe ich da mit meinem frisch gewaschenen Hals. Ich habe keine Ahnung, wie lang diese Story noch werden möchte. Wäre das Leben einfach und geschmeidig, würde ich mit den Schultern zucken und weiterschreiben, bis das Ende erreicht ist. Doch aus Gründen, auf die ich nicht näher eingehen möchte, steht Geld verdienen zurzeit in der Prioritätenliste ganz oben. Und ob ich mit dieser Story Geld verdienen werde, steht absolut in den Sternen. Das ist die bittere Realität, weswegen Projekt BiS in den Feierabend-Modus gerutscht ist. Ich schreibe nur noch nach Zeit und Laune weiter, während ich mich auf den Brotjob konzentriere: Übersetzen.

Nur, um es für euch mal in Relation zu setzen: Momentan verdiene ich mit einem Übersetzungsauftrag so viel, wie ich an Tantiemen fürs ganze Jahr vom Verlag bekomme. Für alle Bücher zusammen, wohlgemerkt. Erstaunlicherweise erschüttert mich diese Situation nur mäßig. Ich habe gerade richtig Lust aufs Übersetzen und komme in großen Schritten voran. Das macht mich glücklich.

Dass ich beim Einschlafen trotzdem noch über Projekt BiS nachdenke, ist völlig unproblematisch, denn ich weiß, dass ich es noch fertigstellen werde, wenn die Zeit dafür reif ist. Das habe ich inzwischen begriffen: Die Geschichten finden ihren Weg. Worauf ich außerdem richtig Lust habe, wenn ich denn zum Schreiben komme, ist die Mystery Reihe, die schon länger vor sich hin gärt. Ich denke, sie wird nach BiS meine Aufmerksamkeit bekommen. Sorry an alle, die auf einen weiteren historischen Westerwald-Roman warten, das wird wohl noch dauern.

Ich kann und will nichts erzwingen, denn ich glaube nicht, dass ich mir und meinen Lesern damit einen Gefallen tue. Meine Bücher entstehen mit einer manchmal etwas unheimlichen Eigendynamik, die sich schlecht steuern lässt. Das ist wie Gärtnern. Es nützt nichts, am Grashalm zu ziehen, der wächst von alleine. Und wenn gerade nichts wächst, muss man eben warten. Wenn es aber wachsen will, dann wird sich auch die Zeit dafür finden, notfalls einhergehend mit etwas Schlafmangel. Das kenne ich ja auch schon, wenn der Schreibgorilla tobt. Das tut er zurzeit allerdings nicht, sonst wäre die Story vermutlich schon fertig, egal, wie lang sie werden will.

Anmerkung der Redaktion: Als tobenden Schreibgorilla bezeichnet die Autorin einen merkwürdig entrückten Zustand, in dem sie zu nichts anderem in der Lage ist, als auf Gedeih und Verderb eine Geschichte fertig zu schreiben, die ihre Gedanken vollständig beherrscht.

Kinder des Friedens

Vorgestern war ich auf der zweiten Demo in diesem Jahr. Erstaunlich, denn ich kann mich nicht entsinnen, dass ich vorher je demonstriert hätte. In jungen Jahren war mein politisches Interesse eher unterirdisch. Konnte ich mir leisten, denn was sollte schon passieren? Ich bin ein Kind des Friedens.

Demonstration für Demokratie in Altenkirchen, Schlossplatz am 4.2.2024

Krieg war immer weit weg

Was meine Eltern miterlebt haben, war für mich nichts weiter als belastende Geschichten voller Grauen. Meine Realität war sicher. Ich erinnere mich an Geschehnisse, die ich zwar wahrgenommen habe, die mein Gefühl der Sicherheit aber nie wirklich beeinträchtigt haben. Das Reaktorunglück in Tschernobyl. Krieg im Irak. Selbst der Mauerfall war für mich weit weg, weil ich damals gerade in den USA war. Ostermärsche und Menschenketten, all das habe ich zur Kenntnis genommen. Mehr nicht.

Ich bin aufgewacht

Nachdem ich lange Zeit Nachrichten ignoriert habe frei nach dem Motto: wenn etwas wirklich Gravierendes passiert, bekomme ich das schon mit, hat inzwischen ein Wandel stattgefunden. Spätestens seit der Pandemie, in der ich Pressekonferenzen der WHO verfolgt habe, um korrekte Informationen zu bekommen, lese ich regelmäßig Nachrichten. Ich verfolge das Weltgeschehen kritisch und werfe auch gern mal einen Blick in die Berichterstattung anderer Länder. Und eines fällt mir dabei auf:

Alles wird in Frage gestellt

Hast du das auch schon bemerkt, wie viele Schlagzeilen mit einem Fragezeichen versehen sind? Das ist ein gefährlicher Trend und meines Erachtens mit verantwortlich dafür, dass das Vertrauen in die Politik schwindet und merkwürdige Ansichten und Haltungen immer mehr Raum gewinnen. Aufmerksame Bibelleser erkennen die Strategie wieder. Es ist die uralte Taktik des Teufels, Zweifel zu säen. ‚Sollte Gott gesagt haben?‘, fragte er schon Adam und Eva und die Strategie funktioniert heute immer noch. Das Gefühl der Unsicherheit wächst, auf nichts ist mehr Verlass und das treibt Menschen in die Arme derer, die klare Aussagen treffen und auch dazu stehen. Dass es ausgerechnet diejenigen sind, die Rassismus, Antisemitismus und ein rechtsextremes Gedankengut propagieren, trifft mich zutiefst. Ich war so naiv zu glauben, dass wir das hinter uns gelassen hätten.

Bildung hilft

Die Plakate, die man auf solchen ‚Nie wieder ist jetzt’-Kundgebungen sieht, sind sehr kreativ. Oft werden Wortspiele oder Doppeldeutigkeiten verwendet, die mir richtig Spaß machen. Es zeigt, dass Bildung einen großen Anteil daran hat, ob jemand für rechte Einflüsterungen empfänglich ist oder nicht. Wer nicht hinterfragt, was ihm/ihr täglich über Bildschirme vor die Nase gespült wird, wer nur Schlagzeilen liest und sich nicht mit den Hintergründen befasst, gerät schnell ins falsche Fahrwasser. In der Pandemie habe ich das sehr deutlich gesehen, als mir ein Videoclip der WHO unterkam. Darin wurde etwas behauptet, was den sonstigen Aussagen der WHO komplett entgegen stand (ich weiß nicht mehr, was es war). ‚Moment, das kann nicht sein‘, dachte ich und schaute mir daraufhin die gesamte Pressekonferenz an, aus der das Video stammen sollte. Der Videoclip war fake. Es hat mich anderthalb Stunden gekostet, das herauszufinden. Und das ist eins der Hauptprobleme, warum Fake News so erfolgreich sind.

Recherchieren ist mühsam

Als Autorin historischer Romane weiß ich, wie mühsam Recherche ist. Wie viel Zeit es kostet. Doch nur wer sich die Zeit nimmt, auch mal die Hintergründe zu erforschen, ist in der Lage, Schlagzeilen einzuschätzen. Mich erheitern beispielsweise Wirtschaftsprognosen. Heute stehen wir laut Schlagzeile kurz vor dem wirtschaftlichen Aus, morgen stellen wir überrascht fest, das es doch besser aussieht als erwartet. Übermorgen dann wieder nicht mehr. Ein fröhliches Hin und Her, das ich getrost ignoriere. Was ich nicht ignoriere, sind der wachsende Hass, der immer rauere Umgangston und die schwindende Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen. Deswegen bin ich zu dieser Demo gegangen. Deswegen schreibe ich diesen Artikel. Ob man es nun Zeitenwende nennen möchte oder nicht, eins ist klar:

Unsere Sicherheit ist futsch

Wir Kinder des Friedens müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir es uns nicht mehr leisten können, uns gechillt zurück zu lehnen. Wir können es uns nicht mehr leisten, nicht wählen zu gehen, weil was soll schon passieren? Wir können es uns nicht mehr leisten, zu schweigen und alle Schuld auf ‚die da oben‘ abzuwälzen. Wenn wir unsere Demokratie, unsere Freiheit und unsere hohe Lebensqualität erhalten wollen, dann müssen wir etwas dafür tun. Die Kinder des Friedens müssen lernen zu kämpfen. Noch stehen uns friedliche Waffen zur Verfügung. Noch können wir mit Demos und Zivilcourage antreten. Mit Worten und Taten, die den anderen zuerst einmal als Mensch sehen. Denn wir sind alle Menschen, egal aus welchem Land, mit welchem kulturellen oder religiösen Hintergrund und mit welcher politischen oder sexuellen Gesinnung. Jeder Mensch ist ein Mensch mit Hoffnungen und Träumen, Sorgen und Ängsten. Jeder Mensch soll sein dürfen. Das ist eine bunte Gesellschaft, für die ich eintreten möchte, denn

Vielfalt bereichert.