Hoffnungsblüte

Dieser Tage beschäftigt einen großen Teil der Welt ein Thema: Putins Krieg in der Ukraine. Das geht natürlich auch an einer Autorin nicht vorbei, schon gar nicht an einer hochsensiblen wie mir. Schon letztes Jahr empfand ich das Leid auf dieser Welt als große Last – Massensterben von Flüchtlingen im Mittelmeer, die unsäglichen Bedingungen in den Lagern, der Militärputsch in Myanmar, noch immer Krieg in Syrien, furchtbare Zustände in Afghanistan … Die Liste nimmt kein Ende. Ach ja, und dann war da ja noch eine Pandemie mit Einschränkungen, Demonstrationen und Ausschreitungen. Da tritt die unaufhaltsame Zerstörung unseres Planeten schon fast in den Hintergrund. Was uns gerade noch fehlte, war ein Krieg auf europäischem Boden.
Ich kenne keinen Menschen, den das nicht entsetzt hat. Viele Menschen leiden mit den Ukrainern mit und zeigen dies auf unterschiedliche Weise. Und bei vielen Autoren finden sich Worte, Gedichte, Gedanken, die berühren und verschiedenste Gefühle ausdrücken. Auch meine Sprachlosigkeit findet ihren Weg in die Poesie. Ich möchte deswegen heute zwei Gedichte mit euch teilen, die seit Anfang März entstanden sind.




Ich glaube, mir ist das Herz eingefroren
Meine Tränen schillern im starren Glanz.
Wir haben unsere Unschuld verloren
Und glauben es immer noch nicht ganz.
Unbeweglich, nicht einmal zitternd,
Nehme ich die Bilder wahr.
Und warte, heimlich hoffend,
Dass alles nur ein Albtraum war.


4. März 2022


Diese Starre begleitete mich eine ganze Weile. Noch eine Woche vor dem Einmarsch hatte ich in meinem aktuellen Romanprojekt eine Szene geschrieben, in der die Menschen das Ende des 30jährigen Krieges feiern. Ich hatte die Freude, diese Befreiung und Erleichterung so tief in mir verspürt, dass ich den ganzen Tag ein Lächeln auf den Lippen hatte. Um so mehr schockierte mich die Realität.
Es vergeht seither kein Tag, an dem ich nicht bete. Ich bete für die Menschen in der Ukraine, die um ihr Land, ihr Leben, ihre Freiheit und Demokratie kämpfen. Aber ich bete auch für die Menschen in Russland, denn sie werden die Folgen der Sanktionen wesentlich deutlicher spüren als ihr Präsident. Sie sind diejenigen, die seit Jahren mit Propaganda in die Irre geführt werden. Und viele von ihnen wollen diesen Krieg nicht. Sie stehen auf und protestieren, obwohl sie wissen, dass sie verhaftet werden können. Obwohl sie wissen, dass sie spurlos verschwinden können, wenn sie sich gegen das Regime stellen. Ich bewundere ihren Mut und bete für sie. Von mir gibt es kein „Stand with Ukraine“, sondern ein „Stand with all the courageous fighters out there“.

Man hört oft den Vorwurf: Haben wir denn nichts aus der Vergangenheit gelernt? Damit ist eigentlich gemeint: Wie kann heutzutage noch jemand einen solchen Krieg anzetteln? Aus meiner Warte hat Putin aus der Vergangenheit gelernt. Nur nicht das, was wir uns erhoffen. Er hat gelernt, dass die Werte der demokratischen Gesellschaft im Angesicht rücksichtsloser Grausamkeit gelähmt sind. Er hat gelernt, dass genau diese Werte verhindern, dass mit gleicher Grausamkeit zurückgeschlagen wird. Er hat auch gelernt, dass die Reaktionen auf Unrecht, dass anderen zugefügt wird, zunächst Beobachtung und erhobene Zeigefinger sind. Die Zeit, die westliche Diplomaten mit Verurteilungen verbringen, kann man nutzen, um ganze Städte in Schutt und Asche zu legen. Man kann Versprechungen machen und es folgen keine Konsequenzen, wenn man sie bricht, denn der Westen will keinen Krieg. Putin ist nicht dumm. Er hat viel gelernt und lange geplant. Ich bete auch für ihn, dass Gott sein Herz erreicht und ihn zur Umkehr bringt. Ich wünschte nur, ich würde mehr daran glauben, dass das möglich ist.

Trotz allem regt sich Hoffnung in mir. Was der russische Präsident bei seinem Unterfangen vermutlich nicht geplant hat, ist die Einung der Demokratien. Wir sehen zurzeit einen nie dagewesenen Schulterschluss der europäischen Staaten, plus USA und UK. Und wir sehen ein Aufbegehren der Menschen. Sie gehen für den Frieden auf die Straße. Sie zeigen – wieder einmal – eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft. Wir haben es 2015 schon erlebt, auch wenn einige Wenige es vielleicht anders sehen. Wie viele Menschen haben sich ehrenamtlich engagiert, um Flüchtlingen zu helfen? Jetzt tun sie es wieder. Wir sind noch in Übung von unserer eigenen Flutkatastrophe. Die Mechanismen greifen, überall wird Hilfe organisiert und ins Rollen gebracht. Ja, das macht mir Hoffnung, dass wir eine bessere Zukunft bauen. So wandelt sich meine anfängliche Starre langsam, aber sicher.

Und die Tränen
Sitzen auf meiner Haut
Gefrieren in der Kälte
Der Weltennacht
Zu einem eisigen Mantel
Erstarrt fürchte ich
Die Berührung, die mich zerbricht
Doch da ist Liebe
Der Sonnenstrahl
Der das Eis fließen lässt
Ich öffne mich
Neuer Hoffnung
Dass wir wachsen
An diesem Leid
Denn noch immer
Ist mein Herz weich.
Hoffnungsblüte.


16. März 2022

Ob es daran liegt, dass ich mich in meinem neuen Roman mit einer Regentin beschäftigt habe, dass mir die Verantwortung, die auf den Regierenden lastet, so deutlich vor Augen steht? Zwischen damals Mitte des 17. Jahrhunderts und heute hat sich nichts geändert. Machthaber damals wie heute haben die Wahl: Sie dienen dem Volk oder sie dienen sich selbst. Und dabei ist es egal, ob sie Macht in einem Staat oder in einem Unternehmen haben. Wem viel anvertraut ist, der trägt viel Verantwortung, das steht schon in der Bibel. Und er wird eines Tages Rechenschaft ablegen müssen über das, was ihm anvertraut war und was er damit gemacht hat.
So treibt meine Protagonistin die Frage um: Was für eine Regentin will ich sein? Letztendlich macht sie sich das zu eigen, was ihre Mutter ihr vorgelebt hat.

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