Maria von Magdala – das wahre Ostern

Wie gelähmt sitze ich da und starre in die Leere meines Herzens. Was um mich herum geschieht, nehme ich gar nicht mehr wahr. Ich glaube, sie haben versucht, mich zum Essen zu bewegen, aber ich will nichts. Mir ist ohnehin hundeelend. Werde ich überhaupt jemals wieder etwas essen können? Ich höre dieses entsetzliche Geräusch, als der Hammer den schweren Nagel trifft, sehe wie sein Gesicht sich vor Schmerz verzerrt, als das Metall seine Hände durchbohrt – diese großen Handwerkerhände, die so stark und gleichzeitig so sanft waren. Er hat nicht geschrien, nicht um Gnade gebettelt wie die anderen. Ich sehe und höre und will doch nicht sehen und nicht hören, denn jeder Hammerschlag treibt den Nagel in mein Herz ebenso wie in sein Fleisch. Ich habe gar nicht gewusst, dass man solche Schmerzen empfinden kann, ohne tatsächlich verletzt zu werden. Aber ich habe so vieles nicht gewusst. Jetzt scheint mir, als wüsste ich gar nichts mehr. Alles wird aufgesaugt von diesem Schwamm des Schmerzes, der sich über alles gelegt hat. Das Einzige, was es gibt, ist dieser Moment unter dem Kreuz. Immer und immer wieder. Die Rufe der Soldaten. Die ohrenbetäubenden Hammerschläge. Das Krachen des Holzes, als das Kreuz aufgerichtet wird. Das leise Tropfen des Blutes. Viel deutlicher kann ich es hören als sein Worte. Ja, er hat etwas gesagt. Zu Johannes und seiner Mutter. Ich habe es nicht verstanden. „Mich dürstet“, hat er gesagt, das habe ich gehört und diese grausamen Worte: „Es ist vollbracht.“ Als hätte dieses ganze Leiden einen Sinn. Als wäre der Tod ein Ziel, das zu erreichen sich lohnt. Für ihn war es das wohl. Ich habe das nie verstanden. Das habe ich ihm auch gesagt. Richtig böse war ich, wenn er wieder anfing, von seinem Tod zu reden. Aber er? Er hat mich nur traurig angeschaut und dieses unendlich liebevolle Lächeln gelächelt und ganz leise gesagt: „Maria, meine Maria. Du wirst es verstehen. Als Erste von allen wirst du es verstehen.“ Nichts verstehe ich. Gar nichts. Ich kann ja noch nicht einmal glauben, dass er weg ist. Tot. So wie jeder andere auch. Dabei war er nicht wie jeder andere. Noch nie habe ich einen Menschen getroffen, der mich so behandelt hat wie er. Er hat mich gesehen. Ich meine, er hat mich wirklich gesehen, wie ich bin, er hat mich nicht bloß angeschaut wie alle anderen. Meine Seele hat er gesehen. Ja, genau, meine Seele. Aber ich musste mich nicht schämen. Nein. Er hat alles von mir gesehen, auch das Schlechte, das Dunkle, und seine Augen wurden weit und die Liebe kroch in seinen Blick und schlug einen Bogen zu meinem Herzen. Und alles war gut.

Bis jetzt jedenfalls. Jetzt ist er tot. Und ich mit ihm. Sie hätten mich genauso gut mit in das Grab legen können, es hätte keinen Unterschied gemacht. Ich will nur da sein, wo er ist. Das habe ich ihm auch gesagt. Ich habe ihm immer alles gesagt, was ich dachte und es war in Ordnung. Er hat mich nie zurückgewiesen oder mir etwas über meine Pflichten als Frau erzählt wie die anderen. „Da, wo du bist, will ich sein“, habe ich ihm gesagt. Es war ganz komisch. Einerseits hat es ihn gefreut, richtig gefreut. Freude war bei ihm immer, als würde gerade eine Blume erblühen. Sie wuchs und ging auf und begann in den schönsten Farben zu leuchten, seine Freude, wie eine Blume. Aber gleichzeitig wurde er sehr traurig, es war oft so bei ihm. Er hat mich in die Arme genommen, obwohl die anderen dabei waren. Er hat mich umarmt und so sanft geküsst und ganz leise gesagt: „Da, wo ich hingehe, kannst du nicht mitkommen.“ Und ich habe mich auch gefreut und war traurig. Traurig, weil ich nicht mitkonnte, aber freudig über seine Nähe, seine sanfte Zärtlichkeit, die Geborgenheit in seinen Armen. Die anderen hatten da ziemliche Probleme mit, dass er mich so in den Arm nahm und küsste. Aber es war nie etwas Anrüchiges dabei, es war ganz selbstverständlich. Johannes hat es verstanden, glaube ich. Johannes hat ihn auch oft berührt und ihn umarmt. Tja, das ist jetzt vorbei.

Ich starre noch immer vor mich hin. Im Haus ist es jetzt ruhig. Es dauert nicht mehr lang, dann wird die Sonne aufgehen. Plötzlich springe ich auf. Ich kann nicht mehr einfach hier sitzen. Diese Hammerschläge, diese Blutstropfen machen mich irre! Ich muss zum Grab. Ich kann nicht auf die Sonne warten! In mir ist eh alles finster, ich bin doch tot, die Finsternis birgt keine Schrecken mehr. Ich laufe durch die stillen Straßen. Mit der Sonne werden auch die Menschen wieder zum Leben erwachen, der Shabbat wird vorbei sein und das bunte Treiben auf den Straßen und Märkten wieder losgehen. Ich will vorher beim Grab sein. Im Dunkeln, in der Stille wird niemand meine Tränen sehen!

Keiner hält mich auf, ungehindert kann ich den Garten betreten. Wie von selbst tragen meine Füße mich zum Grab. Abrupt bleibe ich stehen. Nur vage erkenne ich in der langsam einsetzenden Dämmerung den dunklen Umriss der Grabhöhle und die massive Wölbung des Steines daneben. Ich gehe ein paar Schritte näher. Tatsächlich, der Stein ist weggerollt! Mir schnürt es die Kehle zu. „Nein“, denke ich. „Oh nein. Er ist gestohlen worden.“ Auf dem Absatz mache ich kehrt und renne den Weg zurück, den ich gekommen bin. „Er ist fort. Er ist fort“, denke ich unentwegt und meine Tränen beginnen zu fließen, jetzt, endlich. „Fort. Er ist fort.“ Völlig abgehetzt komme ich am Haus an. Ich nehme gar nicht richtig wahr, dass die meisten schon wieder auf sind. Ich sehe nur Simon, den Petrus, und Johannes wie einen Schatten neben ihm. „Er ist fort!“, weine ich verzweifelt und starre in Simons verständnisloses Gesicht. „Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben!“ Die Worte zerreißen mich fast. Ich bekomme mein Schluchzen nicht mehr unter Kontrolle. Simon und Johannes laufen schon los und ich folge, langsamer diesmal. Die anderen bleiben zurück, ängstlich, verwirrt. Mir ist alles egal. Sollen sie mich doch verhaften, sollen sie mich umbringen! Nichts habe ich mehr, nicht einmal seinen Leichnam.

Als ich das Grab wieder erreiche, kommen Simon und Johannes gerade heraus. Simon sieht niedergeschlagen und mutlos aus, aber in Johannes Augen sehe ich etwas, eine Ahnung. Ich kann sie nicht deuten. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein, mir brummt sowieso schon der Schädel, meine Augen brennen und ich zittere. Die beiden beachten mich nicht. Was soll ich tun? Schaudernd gehe ich zum Grab und schaue hinein. Mir schnürt sich schon wieder die Kehle zu und durch meine Tränen sehe ich verschwommen zwei Gestalten auf dem Lager sitzen. Sie haben weiße Gewänder an. Irgendwo in meinem Hinterkopf sagt mir eine leise Stimme: „Jetzt wirst du wahnsinnig.“ Ich ignoriere sie, denn die beiden Gestalten fragen mich, warum ich weine. Wie können sie das nur fragen, wo sie doch genau da sitzen, wo mein Jesus eigentlich liegen sollte? „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben“, flüstere ich. Ich spüre, wie es mich wieder fast zerreißt, wie die Tränen erneut zu fließen beginnen und ich will nur noch schreien. Ich kann nicht mehr. Fluchtartig stolpere ich aus der Höhle und laufe noch jemandem in die Arme. Weinkrämpfe schütteln mich und ich kann mich kaum noch auf den Füßen halten. Auch dieser Mann fragt mich, warum ich weine. Mir ist wirklich alles egal, ich will nur noch wissen, wo er ist, wo mein Liebster ist, und wenn es der Gärtner ist, der da vor mir steht, was kümmert es mich? „Hast du ihn weggetragen?“, flehe ich ihn an. „So sag mir doch, wo du ihn hingelegt hast, dann will ich ihn holen.“ Wie ein gehetztes Tier sehe ich mich suchend um und sehe doch nichts, nichts, überall nichts. Und in dieses Nichts hinein spricht plötzlich eine Stimme: „Maria!“ SEINE Stimme. Seine STIMME! Seine Stimme, die mir so vertraut ist. Seine Stimme berührt mich, streichelt mich, beruhigt mich. Das war schon immer so bei ihm. Es machte keinen Unterschied, ob seine Hände mich streichelten oder ob seine Stimme mich berührte. Seine Worte waren so lebendig, so innig wie kaum eine Berührung es sein konnte. Mit seiner Stimme konnte er meine Seele streicheln, mit seinen Worten hatte er Wunden geheilt, die kein anderer je gesehen hatte. In meinen verzweifelten Tod hinein spricht jetzt diese Stimme und ich erkenne ihn, bevor meine Augen ihn richtig wahrnehmen können. In einem Schluchzen drängt das Wort aus meinem Mund: „Rabbuni.“ Meine Knie geben nach und ich greife nach ihm, berühre ihn aber nicht. Kraftlos sinke ich zu Boden und schaue auf. Da steht er, wirklich, er steht vor mir. Jeder Zug seines Gesichts ist mir so vertraut wie die Form meiner eigenen Hände. Er lächelt und es ist keine Traurigkeit in diesem Lächeln. „Rühre mich nicht an“, sagt er leise und ich spüre das Bedauern in seiner Stimme, in seinen Augen. Aber es liegt auch ein Versprechen in seinem Blick. „Ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.“ Plötzlich begreife ich das Unfassbare, plötzlich erkenne ich in den einzelnen Steinchen das große Mosaik! Immer hat er von seinem Vater gesprochen, der Heilige, gelobt sei er! Er hat die Wahrheit gesagt! Er ist tatsächlich der Sohn Gottes! Und er lebt. ER LEBT! Fassungslos starre ich ihn an, betrachte abwechselnd seine malträtierten Hände und sein leuchtendes Gesicht. Er lebt. Die Verzweiflung weicht aus meinem Herzen und der Tod, der mir eben noch so real schien, hat keine Gewalt mehr über mich. Ich horche in mich hinein und finde keine Unruhe mehr, keine Angst. Stattdessen wächst dort ein Funke, der blitzschnell zu einem lodernden Feuer wird. Freude! Pure, ungetrübte Freude! Er lebt und ich darf auch leben. Während ich ihn ansehe, erreicht die Freude mein Gesicht und ich beginne zu lächeln, obwohl meine Tränen noch nicht getrocknet sind. Ich fühle mich wie neu geboren. Ich kann gar nicht fassen, dass ich dies alles in so kurzer Zeit durchmachen kann.

Aber in seinen Augen sehe ich die Antwort auf meine aufkeimenden Zweifel: „Es ist wahr, Maria“, sagen sie. Jesus erkennt mein Erkennen. Meine Freude spiegelt sich in seiner wider. Ja, er freut sich, dass ich verstanden habe und mit dem Zutrauen in meine Erkenntnis sagt er mir: „Gehe hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“

Ich nicke. Ich stehe auf und gehe los. Keinen Gedanken verschwende ich, ob ich ihn wiedersehe – denn plötzlich höre ich, was mir in meiner Trauer verwehrt war: seine Stimme in meinem Herzen. So nah, so vertraut wie eh und je. Jesus ist bei mir.

Photo by Lukas on Pexels.com

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