Die Vollkommenen – Rezension

Wir befinden uns in einer rosigen Zukunft, in der Erbkrankheiten ausgemerzt sind und Genetikingenieure Kinder nach den Wünschen der Eltern designen. Aber ist diese Zukunft wirklich so rosig?

Anna Lena Diel hat hier einen Roman vorgelegt, den man schon fast als eierlegende Wollmilchsau bezeichnen könnte. Das Buch ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Wo ich anfangs noch gemütlich beim Frühstück ein Kapitelchen las, schlug es ruckzuck in einen Lesemarathon mit Endspurt um. Der Schreibstil ist so gestaltet, dass man ihn nicht bemerkt. Die Worte auf dem Papier verschwinden und stattdessen spürt man die Atmosphäre, düster und hoffnungslos im Krankenhauszimmer, beklemmend erniedrigend im Hörsaal der Uni, nervös und irritierend in der Wunschkindpraxis. Jede Figur bringt ihre Emotionen mit und überträgt sie auf den Leser, ohne dass man das Gefühl hat, informiert zu werden. Das ist weit mehr als Kopfkino und es hat mich komplett gefesselt. Ein großes Lob an die Autorin.

Neben diesem puren Lesevergnügen bietet die Story jede Menge Futter zum Nachdenken, denn die dargestellte Gesellschaft mit ihren Entwicklungen empfinde ich als absolut realistisch. Schon jetzt kann man sehen, dass diejenigen, die genug Geld haben, ihren Kindern alle Chancen bieten können, während die Ärmeren in die Röhre gucken. Soziale Ungerechtigkeit zeigt sich in diesem Buch nicht mehr in Designerklamotten und den neuesten Handys, sondern darin, wie viele genetische Veränderungen ein Mensch mitbringt. Krumme Nasen und schief stehende Augen sprechen eine deutliche Sprache und ich kann mir lebhaft vorstellen, dass es genau so kommen würde.
Mit Details über sonstige Weiterentwicklungen der Gesellschaft ist die Autorin sparsam, und das ist gut so, denn der Fokus liegt auf der Genetik und das Thema ist schon spannend genug. Hier kommt Philine ins Spiel, deren Vater Genetikingenieur ist und sich entgegen aller üblichen Praxis entschieden hat, Paare auch kostenlos zu behandeln, wenn sie sich keine teuren Wunschgene für ihre Kinder leisten können. Philine fühlt sich von ihm betrogen und entwickelt einen unglaublichen Hass – auf ihn und auf die Gesellschaft im Allgemeinen.

Mehr will ich über die Story nicht preisgeben, denn da waren so einige WHAT?!- Momente, die ich jedem Leser gönne. Emotional ist es allemal, auch wenn man nach einer Liebesgeschichte vergeblich Ausschau hält. Es gibt Zuneigungen und Abneigungen, zwischenmenschliche Probleme und Annäherungen, und auch diese halten uns den Spiegel vor und regen zum Nachdenken an. Die Figuren sind einfühlsam gezeichnet, menschlich, glaubhaft und nahbar, was den Spannungsbogen der Geschichte vorantreibt.

Ein rundum gelungenes Buch, an dem ich wirklich nichts vermisst habe. Absolute Leseempfehlung!

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