Es ist paradox. 11 Bücher habe ich inzwischen mit dem Francke-Verlag veröffentlicht, der einer der ältesten und renommiertesten christlichen Verlage in Deutschland ist. Ich schätze die Zusammenarbeit sehr und es ist folglich eine Tatsache, dass ich christliche Bücher schreibe. Warum also lese ich sie so gut wie nie?
Die Vorurteile gegen christliche Romane
Christliche Bücher sind langweilig. Sie sind viel zu brav, oft oberflächlich und man bekommt die fromme Weltsicht übergestülpt. Außerdem wird man angepredigt. Solche und ähnliche Vorurteile haben mich lange davon abgehalten, zu einem christlichen Buch zu greifen. Inzwischen habe ich einige Romane christlicher Kolleginnen gelesen, die alles andere als oberflächlich waren und mir auch nicht das Gefühl gaben, angepredigt zu werden. Es waren tolle Bücher, die mich tief berührt haben. Trotzdem konnte ich meine Vorurteile nicht ablegen, was wohl auch daran liegt, dass es beim Schreiben für das christliche Publikum bestimmte Vorgaben gibt, quasi ein ungeschriebenes Gesetz. Was musste ich im Lektorat für Blumen im Schuh, das ich ohne Rücksicht auf irgendeine Zielgruppe geschrieben hatte, alles für Schimpfwörter streichen oder abmildern! Dabei bin ich gar kein Mensch, der häufig flucht oder Kraftausdrücke gebraucht. Dennoch unterscheidet sich mein Sprachgebrauch (oder der meiner Figuren) oft stark von dem, was in einem christlichen Roman als akzeptabel gilt.
Wie ich versuche, meine Vorurteile zu bekämpfen
Grundsätzlich halte ich mich für einen offenen Menschen und kann Vorurteile nicht leiden. Dass ich nicht davon frei bin, ärgert mich etwas, weshalb ich die Vorurteile, die mir bewusst sind, immer mal wieder auf den Prüfstand stelle. Neulich ergab sich die Gelegenheit, einen christlichen Roman einer sehr bekannten amerikanischen Autorin auszuleihen, dessen Klappentext mich interessierte. Ich nenne sie bewusst nicht, weil ich weiß, dass viele meiner Follower diese und ähnliche Autorinnen gern lesen. Ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen oder ein konkretes Buch kritisieren. Es geht mir vielmehr um etwas Grundsätzliches, das mir während der Lektüre dieses Buches bewusst geworden ist und sich auch auf andere Bücher übertragen lässt, die ich in der Vergangenheit von anderen christlichen Autorinnen gelesen habe.
Show, don’t tell
Nach etwa der Hälfte des Buches fing ich an, Textstellen zu überspringen oder Passagen querzulesen. Die Thematik des Buches war zwar interessant genug, dass ich es nicht abgebrochen habe, aber der Erzählstil… Nun, er nervte mich. In jedem Schreibratgeber wird empfohlen, die Empfindungen der Figuren für den Leser erlebbar zu machen, indem man nicht das Gefühl beschreibt, sondern die Auswirkungen, die dieses Gefühl hat. Im Fachjargon heißt es ‚Show, don’t tell‘, also zeig es dem Leser, anstatt es ihm zu erzählen. In diesem Buch wurde fast nur erzählt und kaum etwas gezeigt. Die Aussage „Sie weinte“ oder „Ihr liefen die Tränen über das Gesicht“ genügt mir nicht, um die Emotionen der Figur nachzuvollziehen. Ich weiß dann zwar, dass sie traurig war, aber ich fühle es nicht. Das zog sich durch das ganze Buch. Übertrieben gesagt war es eine Informationsveranstaltung, kein Leseerlebnis, das mich tief in die Geschichte gezogen hätte und alles um mich herum vergessen ließ.
Herumreiten auf einem Thema

Am Anfang des Buches wurde eine Szene als Schlüsselszene etabliert und die wurde bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit wieder hervorgezerrt, um der Leserin die Thematik ins Hirn zu rammen, damit sie sie auch ja nie wieder vergisst. Fun fact: Keine Ahnung, was die Thematik war, müsste ich jetzt echt drüber nachdenken. Aber dass es mich genervt hat ohne Ende, immer wieder das Gleiche vorgebetet zu bekommen, daran erinnere ich mich hervorragend. Und das ist etwas, was ich schon sehr oft gerade bei amerikanischen Autor*innen beobachtet habe, gern auch mit Bibelversen. Die Geschichte wird von einer Thematik her aufgebaut, die dem Leser vermittelt werden soll. Alle Figuren und Geschehnisse dienen dazu, diese Thematik zu verdeutlichen. Es ist eine völlig andere Herangehensweise, als man sie im säkularen Bereich findet. Hier liegt meiner Meinung nach der eigentliche Knackpunkt, warum sich die Vorurteile gegen christliche Romane so hartnäckig halten und warum auch ich so große Probleme damit habe.
Wenn ich einen Roman lese, will ich unterhalten werden. Was ich dabei nebenher noch lerne, nehme ich gern mit, aber im Vordergrund steht für mich immer die Story, die Charaktere und ihre Entwicklung. Da muss Spannung sein. Ich will mitfiebern und emotional beteiligt oder am liebsten sogar zerlegt werden. Die Handlung, die Reaktionen müssen für mich nachvollziehbar sein, selbst wenn ich ganz anders handeln würde. All das habe ich in diesem Roman schmerzlich vermisst. Stattdessen bekam ich Informationen serviert, die leidlich in eine Rahmenhandlung verpackt waren.
In meinen Büchern wirst du so etwas nicht finden. Meine Geschichten sind immer von den Figuren her aufgebaut. Sie bringen ihre Sorgen und Probleme mit, ihre Stärken und Schwächen, ihre Hoffnungen und Träume. Was ihnen geschieht, dient nicht dazu, dem Leser etwas zu vermitteln. Es dient den Figuren, sich weiterzuentwickeln. Was der Leser aus der Geschichte mitnimmt, daran denke ich beim Schreiben nicht.
Predigt statt Story
Hier war der zweite Grund, warum ich in diesem Buch so viel quergelesen habe. Es wurde lange und ausschweifend aus der Bibel zitiert und in mahnenden oder wohlmeinenden Worten erläutert, was damit gemeint war, meist in wörtlicher Rede von älteren Frauen an jüngere gerichtet. Ganz ehrlich? Wenn ich eine Predigt hören will, gehe ich in die Kirche. Meines Erachtens ist es zweckfrei, solche Predigten in Romane zu schreiben, die sowieso nur von Leuten gelesen werden, die in die Kirche gehen. Die wissen das eh schon alles. Aber nun gut, wie ich anfangs erwähnte, gibt es viele, die solche Bücher gern lesen, also muss es für sie einen Mehrwert haben, dass auch diese Dinge darinstehen. Ich habe mir übrigens einige Rezensionen zu dem Buch angesehen, die alle voll des Lobes waren. Niemand hat bemängelt, beim Lesen angepredigt worden zu sein. Vielleicht wird es in diesem Genre sogar ein Stück weit erwartet, denn mir wurde gelegentlich vorgeworfen, ich würde es nicht genug tun. So gehen die Ansichten auseinander. Für mich heißt es aber, dass ich nie im Leben auf die Idee käme, einem nicht gläubigen Menschen so ein Buch in die Hand zu drücken. Bei meinen eigenen habe ich da keine Hemmungen. Ich habe durchaus schon Feedback von Atheisten zu den christlichen Inhalten meiner Bücher bekommen, die größtenteils sagten, es hätte sie nicht gestört oder es wäre im Rahmen der Geschichte angemessen gewesen. Und das ist genau so, wie ich es haben möchte.
Toxisches Frauenbild
Es mag daran liegen, dass ich in den letzten Jahren sehr viel hinterfragt habe oder dass mir Dinge stärker ins Bewusstsein gerückt sind, aber noch nie zuvor ist mir das in einem christlichen Roman präsentierte Frauenbild so sehr gegen den Strich gegangen wie dieses Mal. Man muss sicherlich im Hinterkopf behalten, dass ich überwiegend historische Romane gelesen habe, die natürlich den Zeitgeist widerspiegeln, dennoch kann ich die Darstellung nicht stehenlassen, denn genau die wurde in den Rezensionen als großes Vorbild gelobt. Grob zusammengefasst ist es die von Gott gegebene Aufgabe der Frau, sich von ihrem Mann alles gefallen zu lassen. Da sie ihn geheiratet und ihm vor Gott ewige Treue geschworen hat, muss sie sich mit allem arrangieren, was er ihr antut, was ihr mit Gottes Hilfe natürlich auch gelingen wird. Wenn nicht, hat sie nicht genug gebetet. Je mehr sie schweigend erträgt, desto heldenhafter wird sie dargestellt.
Es ist diese Grundhaltung, die dem Missbrauch Tür und Tor öffnet. Starke Frauen sind jene, die unter der Last der an sie gestellten Anforderungen nicht zusammenbrechen, und nicht jene, die gegen die Anforderungen aufbegehren. Sich gegen das strukturelle Problem zu stellen, wird als geistlich verwerflich betrachtet. Wie krass das strukturelle Problem in den USA ist, sieht man an den Bemühungen der Trump-Regierung, Frauen indirekt das Wahlrecht wieder zu entziehen, indem Personen, deren Name auf dem Führerschein (der oft der einzige Identitätsnachweis ist) nicht mit dem Geburtsnamen übereinstimmt, sich nicht für Wahlen registrieren können. Was auf jede verheiratete Frau zutrifft, die den Namen ihres Mannes angenommen hat. Aber das nur so nebenbei.
Die Prägung
Ich glaube nicht, dass jemandem, der die christlich geprägte Weltanschauung bereits mit der Muttermilch aufgesogen hat, diese Dinge überhaupt auffallen. Sie sind so normal wie das Amen in der Kirche. Und hier liegt tatsächlich auch der Grund, warum selbst die christlichen Bücher, die ich wie eingangs erwähnt gern gelesen habe, mir nicht weit genug gehen. Es ist nur ein winziger Schritt, der fehlt. Dieses Quäntchen Tiefe, das man nicht kennt, gar nicht kennen kann, wenn man sich immer im behüteten Kreis christlicher Gemeinschaften bewegt hat. Jeder Christ wird jetzt sagen „Aber wir haben genauso Probleme wie jeder andere auch!“ Und ich nicke und sage „Ja, habt ihr. Aber eure finsteren Täler waren nie so finster wie meine, denn ihr hattet Gott immer schon dabei, wusstet schon immer um seinen Schutz. Ich nicht.“ Und vielleicht spielt auch ein bisschen die Angst eine Rolle, zu tief in die Abgründe des Menschseins zu tauchen. Wer weiß schon, ob man da heil wieder rauskommt? Diese Angst plagt mich nicht.
Fazit
Meine Vorurteile wurden durch die erneute Lektüre eines christlichen Romans nicht abgebaut, sondern bestärkt. Es wird vermutlich einige Zeit dauern, bis ich wieder einen zur Hand nehme und wenn, dann eher von einer deutschen Autorin als von einer amerikanischen. Ich lege Wert auf einen packenden Erzählstil und will nicht angepredigt werden oder das Gefühl haben, ich würde mit geistlichen Wahrheiten zwangsernährt. Trotzdem will ich diesen Romanen ihre Daseinsberechtigung nicht absprechen. Es gibt genug Leser, die genau diese Bücher lieben. Geschmäcker sind zum Glück verschieden und das ist auch gut so.