Kinder des Friedens

Vorgestern war ich auf der zweiten Demo in diesem Jahr. Erstaunlich, denn ich kann mich nicht entsinnen, dass ich vorher je demonstriert hätte. In jungen Jahren war mein politisches Interesse eher unterirdisch. Konnte ich mir leisten, denn was sollte schon passieren? Ich bin ein Kind des Friedens.

Demonstration für Demokratie in Altenkirchen, Schlossplatz am 4.2.2024

Krieg war immer weit weg

Was meine Eltern miterlebt haben, war für mich nichts weiter als belastende Geschichten voller Grauen. Meine Realität war sicher. Ich erinnere mich an Geschehnisse, die ich zwar wahrgenommen habe, die mein Gefühl der Sicherheit aber nie wirklich beeinträchtigt haben. Das Reaktorunglück in Tschernobyl. Krieg im Irak. Selbst der Mauerfall war für mich weit weg, weil ich damals gerade in den USA war. Ostermärsche und Menschenketten, all das habe ich zur Kenntnis genommen. Mehr nicht.

Ich bin aufgewacht

Nachdem ich lange Zeit Nachrichten ignoriert habe frei nach dem Motto: wenn etwas wirklich Gravierendes passiert, bekomme ich das schon mit, hat inzwischen ein Wandel stattgefunden. Spätestens seit der Pandemie, in der ich Pressekonferenzen der WHO verfolgt habe, um korrekte Informationen zu bekommen, lese ich regelmäßig Nachrichten. Ich verfolge das Weltgeschehen kritisch und werfe auch gern mal einen Blick in die Berichterstattung anderer Länder. Und eines fällt mir dabei auf:

Alles wird in Frage gestellt

Hast du das auch schon bemerkt, wie viele Schlagzeilen mit einem Fragezeichen versehen sind? Das ist ein gefährlicher Trend und meines Erachtens mit verantwortlich dafür, dass das Vertrauen in die Politik schwindet und merkwürdige Ansichten und Haltungen immer mehr Raum gewinnen. Aufmerksame Bibelleser erkennen die Strategie wieder. Es ist die uralte Taktik des Teufels, Zweifel zu säen. ‚Sollte Gott gesagt haben?‘, fragte er schon Adam und Eva und die Strategie funktioniert heute immer noch. Das Gefühl der Unsicherheit wächst, auf nichts ist mehr Verlass und das treibt Menschen in die Arme derer, die klare Aussagen treffen und auch dazu stehen. Dass es ausgerechnet diejenigen sind, die Rassismus, Antisemitismus und ein rechtsextremes Gedankengut propagieren, trifft mich zutiefst. Ich war so naiv zu glauben, dass wir das hinter uns gelassen hätten.

Bildung hilft

Die Plakate, die man auf solchen ‚Nie wieder ist jetzt’-Kundgebungen sieht, sind sehr kreativ. Oft werden Wortspiele oder Doppeldeutigkeiten verwendet, die mir richtig Spaß machen. Es zeigt, dass Bildung einen großen Anteil daran hat, ob jemand für rechte Einflüsterungen empfänglich ist oder nicht. Wer nicht hinterfragt, was ihm/ihr täglich über Bildschirme vor die Nase gespült wird, wer nur Schlagzeilen liest und sich nicht mit den Hintergründen befasst, gerät schnell ins falsche Fahrwasser. In der Pandemie habe ich das sehr deutlich gesehen, als mir ein Videoclip der WHO unterkam. Darin wurde etwas behauptet, was den sonstigen Aussagen der WHO komplett entgegen stand (ich weiß nicht mehr, was es war). ‚Moment, das kann nicht sein‘, dachte ich und schaute mir daraufhin die gesamte Pressekonferenz an, aus der das Video stammen sollte. Der Videoclip war fake. Es hat mich anderthalb Stunden gekostet, das herauszufinden. Und das ist eins der Hauptprobleme, warum Fake News so erfolgreich sind.

Recherchieren ist mühsam

Als Autorin historischer Romane weiß ich, wie mühsam Recherche ist. Wie viel Zeit es kostet. Doch nur wer sich die Zeit nimmt, auch mal die Hintergründe zu erforschen, ist in der Lage, Schlagzeilen einzuschätzen. Mich erheitern beispielsweise Wirtschaftsprognosen. Heute stehen wir laut Schlagzeile kurz vor dem wirtschaftlichen Aus, morgen stellen wir überrascht fest, das es doch besser aussieht als erwartet. Übermorgen dann wieder nicht mehr. Ein fröhliches Hin und Her, das ich getrost ignoriere. Was ich nicht ignoriere, sind der wachsende Hass, der immer rauere Umgangston und die schwindende Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen. Deswegen bin ich zu dieser Demo gegangen. Deswegen schreibe ich diesen Artikel. Ob man es nun Zeitenwende nennen möchte oder nicht, eins ist klar:

Unsere Sicherheit ist futsch

Wir Kinder des Friedens müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir es uns nicht mehr leisten können, uns gechillt zurück zu lehnen. Wir können es uns nicht mehr leisten, nicht wählen zu gehen, weil was soll schon passieren? Wir können es uns nicht mehr leisten, zu schweigen und alle Schuld auf ‚die da oben‘ abzuwälzen. Wenn wir unsere Demokratie, unsere Freiheit und unsere hohe Lebensqualität erhalten wollen, dann müssen wir etwas dafür tun. Die Kinder des Friedens müssen lernen zu kämpfen. Noch stehen uns friedliche Waffen zur Verfügung. Noch können wir mit Demos und Zivilcourage antreten. Mit Worten und Taten, die den anderen zuerst einmal als Mensch sehen. Denn wir sind alle Menschen, egal aus welchem Land, mit welchem kulturellen oder religiösen Hintergrund und mit welcher politischen oder sexuellen Gesinnung. Jeder Mensch ist ein Mensch mit Hoffnungen und Träumen, Sorgen und Ängsten. Jeder Mensch soll sein dürfen. Das ist eine bunte Gesellschaft, für die ich eintreten möchte, denn

Vielfalt bereichert.

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