Der Ketzer von Konstanz – Rezension

Diesen etwas anderen Roman aus der Feder von Corinna Wolf durfte ich vorab lesen. Ein historischer Roman mit Fantasy-Elementen, so wurde er mir beschrieben. Doch schon nach der ersten Begegnung mit diesen ‚Fantasy-Elementen‘ war mir klar, dass es sich um viel mehr handelt.

Die Autorin hat es gewagt, das Leben des bedeutenden Reformators Jan Hus nicht nur zu beleuchten, sondern die Jahre seiner Gefangenschaft in Konstanz mit Einblicken in die geistliche Welt zu verknüpfen, was ihr ausgesprochen gut gelungen ist und den besonderen Reiz dieser Geschichte ausmacht.

Wir befinden uns in Konstanz im 15. Jahrhundert. Es gibt nicht nur einen Papst, sondern gleich drei und einer davon hat ein Konzil einberufen, um wichtige Entscheidungen für die katholische Kirche zu treffen. Jan Hus ist schon lange vor Luther davon überzeugt, dass in der Kirche einiges schiefläuft. Machtbestrebungen und Intrigen sind an der Tagesordnung und ein Mann ohne jegliche theologische Ausbildung wurde zum Papst ernannt. Außerdem glaubt Hus an das Wirken des Heiligen Geistes in jedem Gläubigen und stellt damit das Priesteramt an sich infrage, was ihm jede Menge Feinde verschafft. Trotzdem will er nach Konstanz reisen, um vor dem Konzil seine Thesen zu diskutieren.

Wir lernen Hus in seinem persönlichen Umfeld kennen und erhalten Einblicke sowohl in seine Gedankenwelt als auch in seine Visionen, die ihn antreiben, sich der Gefahr in Konstanz zu stellen. Die Perspektiven weiterer Charaktere, darunter eine Kauffrau, zwei Ritter und ein Mönch, ergänzen das Bild der Wirkung, die Hus auf seine Mitmenschen hatte. Er muss ein begnadeter Redner gewesen sein, denn viele waren seinen Thesen gefolgt.

Ich fand es spannend, wie die Autorin die gegensätzlichen Gefühle und Stimmungen des Reformators eingefangen hat. Einerseits war er voller Tatendrang und Eifer für Gott, andererseits voller Zweifel, ob sein Tun überhaupt irgendeine Bedeutung hatte. An dieser Stelle die Perspektive in die geistliche Welt zu wechseln und dem Leser Einblicke in das Wirken Gottes bzw. des Teufels zu gewähren, finde ich brillant. Dabei verzichtet die Autorin auf ausufernde Beschreibungen von Engeln und Dämonen, wie man sie beispielsweise bei Frank E. Peretti findet, was ich sehr begrüßt habe. Es sind Gestalten, die man mehr spürt als sieht, deren Handeln aber eindeutige und starke Wirkung hat.

Für mein Empfinden sind die Beschreibungen dieser Szenen und der Visionen die stärksten im Buch und verleihen der Geschichte eine inspirierende Kraft. Man kann gar nicht anders, als Hoffnung zu schöpfen, dass Gott einen Plan hat, egal wie die Umstände aussehen. Gerade in der jetzigen Zeit, wo alles so erschreckend und düster erscheint, kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen.

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