Die Naivität des Guten

Wenn ich mich in der Welt umschaue, dann bin ich immer wieder erschüttert und schockiert, wozu Menschen alles fähig sind. Da wird gelogen, geraubt und geplündert, vergewaltigt und gemordet und gefoltert und man braucht nicht ins düstere Mittelalter zu blicken, um Beispiele zu finden. Ob es die brutale Vorgehensweise der russischen Soldaten in der Ukraine ist oder der Fulanihirten oder Boko Haram Kämpfer in Afrika, der Hamas in Gaza oder der kriminellen Banden in Mexiko, ist völlig egal. Das Leid und die Angst sind überall auf der Welt gleich. Selbst die Sicherheit, in der ich hier in Deutschland aufgewachsen bin, ist an vielen Stellen ein Trugbild. Ich hatte bisher Glück, dass ich vor Grausamkeiten bewahrt geblieben bin.

In letzter Zeit häufen sich auch hier die Anschläge und das Entsetzen ist groß. Zu Recht. Es will mir nicht in den Kopf, wie man auf die Idee kommen kann, gezielt mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren. Ich bin Autorin. Ich habe eine lebhafte Fantasie und kann mir vieles vorstellen. Trotzdem bin ich fassungslos, weil es tief in mir eine Sperre gibt, die verhindert, dass ich anderen Schaden zufüge. Ich könnte das gar nicht. Im Gegenteil, ich bin einer jener merkwürdigen Gutmenschen, die anderen gern helfen wollen. Für die Teilen eine natürliche Reaktion ist. Die gar nicht intensiv nachdenken müssen, wie man unterstützt und fördert.

Ich glaube, als Gesellschaft sind wir in Deutschland noch überwiegend gut. Den meisten geht es wie mir. Sie leben vor sich hin, ohne eine Spur von Grausamkeit hinter sich her zu ziehen. Und sind so naiv zu glauben, dass das normal sei. Dass selbstverständlich jeder vor Gräueltaten zurückschreckt. Dass Vernunft und Gesetzestreue tief in uns verankert sind, ebenso wie die Wertschätzung von Wahrheit und Respekt anderen Menschen gegenüber.

In letzter Zeit hat sich dieses Blatt gewendet. Der gesellschaftliche Ton ist ein anderer geworden. Wer sich für andere einsetzt, findet sich plötzlich in einer Verteidigungsposition wieder. Rettungssanitäter werden angepöbelt, Seenotretter vor Gericht gestellt und Flüchtlingshelfer verhöhnt. Das ist die kleine Dimension. Die große Dimension sieht Machthaber, die über andere Länder herfallen, radikale Lügen verbreiten und getroffene Absprachen und Verträge einfach über den Haufen werfen. Die Schockwelle dieses Verhaltens rollt um den ganzen Globus und ist in ihrer Zerstörungskraft noch gar nicht abschätzbar. Und wir? Wir stehen da wie vom Donner gerührt, weil wir nicht fassen können, dass jemand das, was wir als allgemeingültige Werte ansehen, hemmungslos mit Füßen tritt.

Man wirft dann den Politikern und Behörden vor, sie wären träge, hätten es verhindern müssen, hätten darauf vorbereitet sein müssen, müssten schneller und entschiedener reagieren. Aber ganz ehrlich? Wie soll ich auf etwas vorbereitet sein, was ich mir gar nicht vorstellen kann? Der Glaube an das Gute, an den gesunden Menschenverstand, an die Demokratie und den Willen, nicht nur an sich, sondern auch an die um uns herum zu denken, verhindert oft, dass wir das schlimmste Szenario in Betracht ziehen. Wenn es dann eintritt, sind wir erstmal gelähmt und müssen dann reagieren. Verzweifelt nach Lösungen suchen, wie man diesen eklatanten Rechtsverletzungen begegnet. Weil wir eben ein bisschen naiv sind.

Ich mag diese Naivität. Ich will sie nicht aufgeben. Ich will dem Bösen in meinem Leben keinen Raum geben, will nicht ständig überlegen, welche Katastrophe als Nächstes eintritt. Ich möchte weiter an das Gute im Menschen glauben und hilfsbereit sein. Trotzdem blicke ich der Realität ins Gesicht, dass ich mit dieser Haltung immer einsamer werde.

Aber – und diese Wahrheit hat sich vielfach bewährt – je dunkler es ist, desto heller strahlt selbst das kleinste Licht. Und desto größer wird die Sehnsucht nach dem Licht. Mein Vorteil in meiner Naivität ist, dass ich nicht selbst leuchten muss. Ich bin nur die Kerze. Das Feuer kommt von Gott und Er hat versprochen, dass die Finsternis nicht siegen wird. Egal, wie sehr sie tobt, sie kann das Feuer nicht auslöschen. Das Bedürfnis, Gutes zu tun, ist kein Kraftakt. Es steckt sozusagen in meiner DNA. Deswegen werde ich auch nicht damit aufhören, auch wenn es gerade nicht en vogue ist.

Westerwald im Morgennebel

Hinterlasse einen Kommentar

Entdecken Sie mehr von Annette Spratte

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen